"Es kostet nicht die Welt, die Erde zu retten"
Der deutsche Wirtschaftspreis der Joachim Herz Stiftung geht in diesem Jahr an den Umweltökonomen Andreas Löschel. Mit seinen Forschungen hat er einen herausragenden Beitrag für die klimapolitische Weichenstellung in Deutschland geleistet. Im Interview wirft er einen ökonomischen Blick auf den Klimawandel und erklärt, warum Ökonomie und Ökologie in Einklang gebracht werden müssen und wie das erreicht werden kann.
Herr Professor Löschel, Sie sind Umweltökonom und beschäftigen sich mit den Themen Energie, Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit. In Ihrer Forschung untersuchen Sie u. a., wie Menschen und Unternehmen ihr Verhalten ändern, wenn sich Anreize ändern. Wird dieses Instrument ausreichend genutzt?

Ganz lange gab es in der Tat kaum finanzielle Anreize, sich umweltfreundlich zu verhalten. Und die Idee, die von Ökonomen seit vielen Jahren formuliert wird, ist, dass man versucht, genau solche Anreize – etwa über CO2-Bepreisung oder über Emissionshandelssysteme – zu generieren. Dadurch werden Haushalte und auch Unternehmen dazu gebracht, Umweltkosten in ihre eigenen Entscheidungen zu integrieren, die sonst „unter den Tisch" fallen. Mir ist es wichtig, genau diese Schnittstelle zwischen Ökonomie und Ökologie zu beleuchten, und zu zeigen, dass eine Wirtschaft, die ökologische Aspekte mitberücksichtigt, eine an die Zukunft gewandte Wirtschaft ist. Sie bringt langfristig viele Vorzüge, die wir erklären müssen und für die es sich lohnt zu werben.

Für wen sind die Ergebnisse Ihrer Arbeiten von besonderer Relevanz?

Meine Arbeiten drehen sich sehr stark darum, wie ein Rahmen für unser Wirtschaften aussehen sollte, um Ökonomie und Ökologie in einen Gleichklang zu bringen. Vor diesem Hintergrund sind die Arbeiten sehr breit anwendbar. Sie zeigen zum einen der Politik, wie gute Politikinstrumente ausgestaltet sein könnten, die uns helfen, in Richtung Klimaneutralität zu gehen. Und zum anderen helfen sie dabei, besser zu verstehen, wie Haushalte bei ihren Umweltentscheidungen ticken oder wie Nachhaltigkeitsentscheidungen in Unternehmen getroffen werden.
"Wir wollen bis 2045 klimaneutral werden"
"Wir wollen in Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Das sind unglaubliche Herausforderungen, vor denen wir stehen."
Wie weit sind wir denn davon entfernt, Ökonomie und Ökologie im Gleichschritt hinzubekommen?

Ehrlich gesagt, wir sind gerade losgelaufen. Wir wollen in Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Das bedeutet, dass unser Stromsystem eigentlich schon eine Dekade davor klimaneutral sein muss. Davon sind wir noch weit entfernt. Das sind unglaubliche Herausforderungen, vor denen wir stehen, und das betrifft zwar erst einmal den Stromsektor, aber natürlich auch andere Sektoren wie etwa die Industrie, die Gebäude, den Verkehr. Da sind wir in der Vergangenheit sogar noch langsamer im Klimaschutz gewesen als beim Ausbau der erneuerbaren Energien im Strombereich.

Welche Ihrer Erkenntnisse haben Unternehmen ganz konkret weitergebracht?

Wir beobachten und analysieren zum Beispiel seit vielen Jahren den europäischen Emissionshandel. Simulationen zeigten etwa, wie sich CO2-Preise entwickeln, die konsistent mit den verschiedenen politischen Zielsetzungen sind, die wir im Klimaschutz haben. Eine Abschätzung über die Höhe der CO2-Preise für die Zukunft, z.B., ist natürlich eine ganz wichtige Information für Unternehmen, die jetzt investieren und sich überlegen müssen, wie sieht für unsere Investitionen eigentlich die Kostenbelastung für den Klimaschutz in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aus.
Vorschläge aus der Wissenschaft werden zur Kenntnis genommen, wenn sie empirisch fundiert sind. Aber das reicht nicht.
Sie sind seit 2011 Vorsitzender der Expertenkommission zum Monitoring-Prozess "Energie der Zukunft" der Bundesregierung und Leitautor des Weltklimarates. Hat man Ihnen in der Politik und in der Wirtschaft schon immer so genau zugehört, wie man das jetzt tut?

Die Themen haben heute eine andere Bedeutung und sind tatsächlich in den Vordergrund gerückt. Zum Beispiel durch das Pariser Abkommen oder durch die aktuelle Frage, wie es ohne Erdgas aus Russland weitergeht. Und ich glaube, Vorschläge aus der Wissenschaft werden zur Kenntnis genommen, wenn sie empirisch fundiert sind, also tatsächlich eine Wissenschaftsbasierung haben. Aber das reicht nicht. Man muss sie auch so ausgestalten können, dass sie in den politischen Prozess passen. Das macht dann gute Politikberatung aus, also Optionen aufzuzeigen, Vor- und Nachteile darlegen, so dass die Politik dann abwägen kann, wie Klimaschutz und Energiewende vorangebracht werden.

6. Sachstandsbericht des IPCC

Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ist eine Institution der Vereinten Nationen, das auch als Weltklimarat bekannt ist. Es gibt im Abstand von fünf bis sechs Jahren Sachstandsberichte heraus, die als wissenschaftliche Konsensposition hinsichtlich des Einflusses des Menschen auf das Weltklima gelten. Der 6. Sachstandsbericht besteht aus drei Teilen, die zwischen August 2021 und April 2022 veröffentlicht wurden, sowie einem übergreifenden Synthesereport, der voraussichtlich im September 2022 erscheinen wird.
Der am 4. April veröffentlichte, dritte Report mit dem Titel „Minderung des Klimawandels" bewertet die Fortschritte bei der Begrenzung von Emissionen und das Spektrum an verfügbaren Minderungsoptionen in Energiesystemen und Städten sowie in Sektoren wie Land- und Forstwirtschaft, Landnutzung, Gebäude, Verkehr und Industrie. Andreas Löschel war Leitautor für das sechste Kapitel des Berichts zu dem Thema Energiesysteme.
Benzin an der Tankstelle muss teurer sein, fossiles Gas beim Heizen muss teurer sein, um die Klimaschäden zu reflektieren.
Was sollte jede und jeder von uns sofort tun?

Die Anreize, die wir als Ökonomen setzen, sind üblicherweise so, dass wir versuchen, über Märkte und Preise zu wirken. Das heißt, Umwelt bekommt einen Preis und der spiegelt sich entsprechend in den Produkten wider. Wir versuchen, möglichst wenig direkte Eingriffe bei den Akteuren zu machen, sondern sie selbst entscheiden zu lassen. Dabei spielen viele Dinge eine Rolle, etwa Präferenzen für den Klimaschutz. Und natürlich die Preise, die dann auch die ökologische Wahrheit sagen müssen. Dann ist das sozusagen der grüne Daumen für die Marktwirtschaft. Das bedeutet aber, dass Benzin an der Tankstelle muss teurer sein, fossiles Gas beim Heizen muss teurer sein, um die Klimaschäden zu reflektieren. Und dann ist es jedem selbst überlassen, ob er das Auto oder den Zug oder das Fahrrad nehmen möchte. Und dann geht es natürlich auch darum, die verteilungspolitischen Wirkungen mit im Blick zu haben und diejenigen zu unterstützen, die das vielleicht nicht einfach so leisten können.
Und was kostet es uns, den Klimawandel zu verlangsamen? Welche Maßnahmen benötigen wir?

Ich glaube, wir brauchen die richtigen Rahmenbedingungen, besonders CO2-Preise. Aber das ist natürlich nicht alles – Preise müssen auch wirken können und dafür braucht es eine Kombination von verschiedenen Maßnahmen. Neben den CO2-Preisen braucht es für die Klimaneutralität grüne Infrastruktur. Es braucht Forschung und Innovationen, da viele Technologien noch in den Kinderschuhen stecken und es zu zeigen gilt, dass es tatsächlich günstigere Alternativen gibt. Mir ist es in meiner wissenschaftlichen Arbeit ganz wichtig, zu zeigen, dass dies gar nicht so viel mehr kosten muss. Wenn es richtig angegangen wird, kostet es nicht die Welt, die Erde zu retten.
Deutscher Wirtschaftspreis der Joachim Herz Stiftung
Der Deutsche Wirtschaftspreis der Joachim Herz Stiftung wird alle zwei Jahre für herausragende wirtschaftswissenschaftliche Forschung vergeben. Mit dem Preis fördert die Stiftung interdisziplinäre Ansätze in den Wirtschaftswissenschaften und regt etablierte Forscherinnen und Forscher sowie Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler an, ihre Perspektiven zu erweitern und innovative Lösungsansätze zu entwickeln. Der Preis richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an einer Forschungseinrichtung in Deutschland tätig sind.
2016 war die Experimentellen Wirtschaftsforschung Thema, 2018 die Gesundheitsökonomik, 2020 die Ökonomik der Arbeit und 2022 die Umweltökonomie.