Die virtuelle Brücke über den Atlantik
Ihr Praktikum in den USA musste aufgrund der Corona-Pandemie gecancelt werden. Dafür nimmt die Auszubildende Anna Börner an einem virtuellen Austauschprogramm teil und entwickelt auch ohne Erfahrungen vor Ort eine persönliche Verbindung zu einem bis dahin fremden Land.
Anna Börner hatte schon genaue Bilder im Kopf, was sie bei ihrem anstehenden Aufenthalt im Frühjahr 2020 in den USA alles erleben würde: Die 19-jährige aus einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt freute sich auf typische amerikanische Süßigkeiten, auf Begegnungen mit jungen Amerikanerinnen und Amerikanern, auf das amerikanische Lebensgefühl in dem „nichts unmöglich erscheint", wie sie sagt.

Erfahrungen, die sie gerne zum ersten Mal in ihrem Leben gemacht hätte. Gerade für sie als Auszubildende zur Industriekauffrau wäre dieser Auslandsaufenthalt mit dem Programm „Azubis in die USA" der Joachim Herz Stiftung eine Besonderheit. Denn nur sechs Prozent der Auszubildenden gehen ins Ausland, davon aufgrund bürokratischer Vorschriften und hoher Kosten die wenigsten in die USA. Doch für die meisten, die die Chance erhalten, sind es Erfahrungen, die die eigene Biografie nachhaltig prägen.
Neue Lösungen mussten her
Neue Lösungen mussten her, die helfen würden, die Brücken über den Atlantik auch während der Pandemie nicht einreißen zu lassen.
Austauschprogramme dienen jedoch nicht nur der persönlichen Entwicklung Einzelner. Sie sind schon immer auch ein Fundament deutsch-amerikanischer Beziehungen. Generationen von jungen Menschen wurden durch Austausch- und Begegnungsprojekte zu Botschaftern einer engen Beziehung zu den USA. „Ich finde, die beste Grundlage für Freundschaft und Partnerschaft, egal ob nun zwischen Menschen oder Ländern, sind gegenseitiges Verständnis und Vertrauen, und das bekommt man meist nur, wenn man Erfahrungen vor Ort macht", weiß Börner von vorherigen Auslandsaufenthalten bei privaten Reisen.

Dann kam Corona. Und mir der Pandemie zerplatzen Annas Träume von den USA. „Alles war organisiert. Sogar einen neuen Pass hatte ich mir machen lassen. Als der Anruf kam, dass wir aufgrund der Pandemie nicht reisen können, war ich natürlich enttäuscht." Doch nicht nur für Börner, sondern für Austauschprogramme weltweit und langfristig auch für die sowieso schon angespannten transatlantischen Beziehungen, drohte die Pandemie zur Belastung zu werden.

Neue Lösungen mussten her, die dabei helfen, die Brücken über den Atlantik auch während der Pandemie nicht einreißen zu lassen. Nicht nur die Joachim Herz Stiftung, sondern Austauschprogramme und Schulen in ganz Deutschland suchten nach Möglichkeiten, mit vielen kreativen Ideen und digitalen Werkzeugen, den internationalen Dialog abseits der Politik aufrechtzuerhalten (einen kleinen Überblick gibt es hier).
"Ich fühlte mich persönlich in den kleinen Gruppen sehr viel wohler Englisch zu sprechen und traute mir mehr zu."
Die Vorteile des virtuellen Austausches
„Früher waren die USA immer mein Traumland, jetzt habe ich auch viele positiven Seiten des Lebens in Deutschland erkannt und schätzen gelernt".
Die Joachim Herz Stiftung organisierte in den folgenden Monaten für Anna und 17 weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer des „Azubis in die USA"-Programms einen virtuellen Austausch mit der Kennesaw State University (KSU) in Georgia. Dieser digitale Austausch umfasste neun virtuelle Treffen, die jede Woche ein anderes Thema behandelten. So wurde etwa über die unterschiedliche Einstellung zur Arbeit, über den amerikanischen Umgang mit Erfolg und Scheitern, über erfolgreiches Marketing in der US-Musikbranche oder auch aktuelle gesellschaftspolitische Fragen gesprochen. Verschiedene Gäste, Führungskräfte aus Unternehmen und Initiativen, wie etwa der Black Lives Matter-Bewegung, hielten Vorträge und diskutierten via Zoom mit den deutschen Azubis.

„Auch wenn es einen echten Austausch natürlich nicht ersetzen kann, so hatte das virtuelle Programm trotzdem Vorteile für mich. Ich konnte in kurzer Zeit viele Informationen aufnehmen, ohne meinen Arbeitsplatz in Deutschland zu verlassen. Zudem fühlte ich mich persönlich in den kleinen Gruppen sehr viel wohler Englisch zu sprechen und traute mir mehr zu", so Börner, die in einer Elevator Speech ihre Learnings aus dem Programm präsentierte.
Zusätzlich zum virtuellen Programm trafen sich Studierende der KSU, sogenannte Peer-Buddies, jede Woche digital mit zwei oder drei deutschen Azubis, um sich über die Vorträge und Diskussionen aus den virtuellen Treffen nochmal untereinander auszutauschen. „Wir haben mit unserer Peer-Buddy, einer Grafik Design-Studentin, die auch Anna hieß, viel über Rassismus in den USA gesprochen. Besonders bedrückend war jedoch zu hören, dass sie sich momentan keine Arztbesuche leisten kann, weil sie nicht krankenversichert ist."

Auch wenn nur virtuell, so trifft die 19-jährige in diesen Momenten auf die persönlichen Geschichten und Eindrücke von Menschen aus einer anderen Kultur, die bei ihr Verständnis, Empathie und Selbstreflexion auslösen. „Früher waren die USA immer mein Traumland, jetzt habe ich auch viele positiven Seiten des Lebens in Deutschland erkannt und schätzen gelernt", so Börner.
Nachhaltige Beziehungen als Fundament
Die virtuellen Treffen wurden mit der Zeit immer persönlicher. „Anna und ich haben schon jetzt ein enges Verhältnis und wollen uns auf jeden Fall gegenseitig besuchen, sobald es wieder möglich ist," so Börner. Denn auch die Peer-Buddies können von den deutschen Azubis profitieren. Nach dem virtuellen Austauschprogramm haben die meisten von ihnen Freunde in Deutschland, die ihnen möglicherweise helfen, später zu einem Praktikumsaustausch nach Deutschland zu kommen.

Durch die Verbindung zwischen Anna aus den USA und Anna aus Deutschland ist nicht nur ein fachlicher, sondern auch ein zwischenmenschlicher Austausch entstanden, der gegenseitiges Verständnis für die Lebensumstände des anderen mit sich brachte. Diese Verbindung kann ihren kleinen Teil zu einem stabilen Fundament der Brücke über den Atlantik beitragen, quasi ein Bottom-up-Prozess der transatlantischen Beziehungen.

Zum Ende des Gesprächs erwähnt Anna noch, dass sie womöglich nach Aufhebung der Reisebeschränkungen nun doch noch die Möglichkeit bekommt, das Praktikum in den USA nachzuholen. „Vielleicht ist ja wirklich nichts unmöglich", sagt sie zufrieden.
Azubi-Austauschprogramme
der Joachim Herz Stiftung
„Azubis in die USA"
  • Auslandsprakitka für Auszubildende
  • Wer kann sich bewerben?Azubis, die zum Zeitpunkt des Praktikums volljährig sind und ihre Ausbildung in Bayern, Berlin, Metropolregion Hamburg oder Sachsen machen sowie über entsprechende Englischkenntnisse verfügen.
„GATE" - German American Training Exchange
  • Austauschförderung USA für berufsbildende Schulen
  • Wer kann sich bewerben? Bewerben können sich alle deutschen berufsbildenden Schulen, die über einen gemeinnützigen Schulförderverein verfügen. Gibt es keinen Förderverein, kann der Schulträger einen Antrag stellen. Über den Förderverein oder Schulträger erfolgt die Bewerbung. Sie erhalten auch die bewilligten Mittel in Form einer Spende.