Alles Simulanten!
Der erste Tag im Krankenhaus
Im Assessment Center am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) durchlaufen Studierende im Praktischen Jahr auf freiwilliger Basis in einer Simulation einen fiktiven ersten Arbeitstag, in dem sie eigenverantwortlich als Ärzte tätig sind. Dabei mimen echte Schauspieler die Patienten. Das Training soll die angehenden Mediziner besser auf den Krankenhausalltag vorbereiten.
Fenja Schaller geht es nicht gut. Sie hat in den vergangenen Wochen stark an Gewicht verloren. Sie fühlt sich schlapp, schläft schlecht und schwitzt übermäßig viel in der Nacht. Sie entschließt sich in die Notaufnahme des Eppendorfer Krankenhaus zu gehen, um sich Hilfe zu holen.

Im UKE wird sie per Videoschalte von der Ärztin Lea Jagels in Empfang genommen. Es ist ihr erster Arbeitstag im Krankenhaus in Zeiten der Corona-Pandemie, und ihr Oberarzt hat entschieden, dass sie keinen direkten Patientenkontakt haben soll, sondern die Anamnesegespräche per telemedizinischer Sprechstunde aus ihrem Büro im Krankenhaus führen muss.
So wie diese Medizinstudentin führt auch Lea Jagels die Gespräche mit den Schauspielpatienten über das Tablet. (Foto: Axel Kirchhof)
Soweit das konstruierte Setting. In Wirklichkeit ist Fenja Schaller Franziska Herrmann, eine Schauspielerin bei guter Gesundheit, die hier im Rollenspiel mit Studierenden wie Lea Jagels den Alltag im Krankenhaus trainiert. „Wir werden sehr genau auf unser Krankheitsbild vorbereitet, damit wir auf Nachfragen konkret von unseren Symptomen berichten können und diese auch glaubhaft rüberbringen können", berichtet Schauspielerin Herrmann, die in ihrer Rolle an einer Herzklappenentzündung leidet. So wie auch Herrmann, orientieren sich alle acht beteiligten Schauspieler an echten Geschichten von Patienten, die zu Fuß in die Notaufnahme des UKE gekommen sind.
Ablenkungen und Zeitdruck
"Wir haben maximal zehn Minuten, um an die entscheidenden Informationen zu kommen."
Lea Jagels sitzt in Wirklichkeit zu Hause in ihrer Wohnung vor ihrem Laptop mit Kamera, wo sie insgesamt noch drei weitere Patienten zu sehen bekommt. Ihren Arztkittel muss sie trotzdem anziehen. Die Studierenden wissen, dass die Patienten nicht wirklich krank sind und geraten dennoch schnell unter Druck: „Man weiß überhaupt nicht, was einen erwartet, die Situation ist schon sehr real, und wir haben maximal zehn Minuten, um an die entscheidenden Informationen zu kommen", so Studentin Jagels, die sich eine solche Art der Übung im Studium noch viel öfter wünschen würde.

Doch die Anamnese ist nur der Anfang des Kompetenztrainings. Der Sprechstunde mit den Schauspielpatienten folgen Arbeitszeiten im Arztzimmer mit elektronischer Patientenakte. Auch hier haben die Studierenden für jeden Patienten circa zehn Minuten Zeit zur Dokumentation und zum Anordnen weiterer Diagnostik, falls nötig. Obwohl fast doppelt so viel Zeit zur Verfügung steht wie sonst üblich in der Notaufnahme, wird es schnell anstrengend, so Jagels.

Hinzu kommen unter nicht Corona-Bedingungen Interaktionen mit Pflegekräften, Assistenz- und Oberärzten sowie ein Übergabegespräch, in dem eigene Diagnostik- und Behandlungspläne präsentiert werden. So soll der Krankenhausalltag, mit Ablenkungen und Zeitdruck, möglichst realitätsgetreu nachgestellt werden.

"Schnell entscheiden, was getan werden muss"
„Ein Simulationstraining dieser Art ist aufgrund der interprofessionellen Zusammenarbeit und der Realitätsnähe in Deutschland bisher noch nicht der Standard. Vermutlich sind wir die erste Hochschule, die in Zeiten von Corona eine solche Übungsmöglichkeit mit einer Telemedizinsprechstunde anbieten kann", sagt Prof. Dr. Sigrid Harendza, die dieses Projekt am „Centrum für die Entwicklung und Prüfung ärztlicher Kompetenzen" im UKE aufgebaut hat und leitet. „Allerdings muss die interprofessionelle Zusammenarbeit aufgrund der Kontaktbeschränkungen zurzeit wegfallen, aber das Übergabegespräch ist auch telemedizinisch möglich."

Prof. Dr. Sigrid Harendza wertet am Tablet die Gespräche der Studierenden mit den Schauspielpatienten aus. (Foto: Axel Kirchhof)
Das Projekt, das von der Joachim Herz Stiftung gefördert und zunächst bis 2023 fortgeführt werden kann, soll dort helfen, wo alle miteinander, Studierende und Lehrende, dringend Handlungsbedarf sehen. „Wir wissen aus unseren Befragungen, dass sich bei Studierenden während der gesamten Ausbildung nur selten das Gefühl einstellt, für einen Patienten wirklich verantwortlich zu sein. Dies erleben viele in diesem Projekt zum ersten Mal", erläutert Prof. Harendza, die in der III. Medizinischen Klinik als Oberärztin arbeitet.

Das Besondere an der praktischen Schulung: die Studierenden werden nicht benotet, sondern erhalten ein qualifiziertes Feedback von den beteiligten Schauspielpatienten und im Übergabegespräch von den Oberärzten. Herrmann, die bereits zum zweiten Mal an diesem Training als Schauspielpatientin teilnimmt, ist von der Bedeutung des Projektes überzeugt. „Mir fällt in den Gesprächen mit den Studierenden immer wieder auf, dass viele von ihnen noch mehr üben müssen richtig zuzuhören und emphatisch und verständlich zu kommunizieren."

Die niedrigsten Bewertungen bekommen die Studierenden aber in der Regel für ihre Management- und Priorisierungskompetenz. „Genau diese Fähigkeiten benötigen sie aber später in der ärztlichen Praxis – schnell zu entscheiden, was getan werden muss. Mit dem Assessment Center haben die Studierenden die Möglichkeit, dies nicht erst am wirklichen ersten Arbeitstag zu erleben, sondern durch ihre Erfahrungen im Training ihr weiteres Lernen noch im Studium entsprechend zu fokussieren", so Prof. Harendza.