„Ich mag es, dahin zu gehen, wo noch nicht so viel los ist"
Valery Rubakov erhält in diesem Jahr den Hamburger Preis für Theoretische Physik. Über einen Forscher, den die Entstehung unseres Universums nicht loslässt.
Es liegt wohl in der Natur von uns Menschen, dass wir wissen wollen, wo wir herkommen, wie alles angefangen hat, wie die Erde und unser Universum entstanden sind. Wer bei der Antwort auf diese Frage religiöse Überzeugungen beiseitelässt, landet am Ende beim Urknall. Das ist der Moment, an dem alles beginnt. Valery Rubakov, Physikprofessor an der Lomonossov-Universität in Moskau und Leitender Wissenschaftler am Institut für Kernphysikforschung der Russischen Akademie der Wissenschaften, will verstehen, wie der Beginn unseres Universums aussah. Auf seinem Weg zurück zu den Anfängen, arbeitet er gerne abseits des Forschungs-Mainstreams – und gerade deswegen hat er wichtige Impulse zur Erforschung unseres Universums gegeben.
Schule Nr. 57 in Moskau – Prägende Begegnung mit dem Lehrer für Meisterschüler
Naturwissenschaften und Mathematik faszinieren Valery Rubakov seit seiner Kindheit. Er begann früh, Bücher über naturwissenschaftliche Phänomene zu lesen. Es war, wie er rückblickend beschreibt, eine Zeit des Selbststudiums. Das änderte sich erst, als er in der Oberstufe die Schule Nr. 57 in Moskau besuchte. Bis heute ist die Schule eine Institution in Russland, bekannt für ihre exzellente Ausbildung in Mathematik und Naturwissenschaften. Valery Rubakov wurde dort Schüler des Physiklehrers Vladimir Bronfman, aus dessen Unterricht eine ganze Generation russischer Physiker hervorgegangen ist. Und auch für Valery Rubakov waren die Stunden mit Vladimir Bronfman wegweisend. Bei ihm lernte er, die Gesetze und Formeln hinter physikalischen Phänomenen zu deuten und Naturphänomene mit Hilfe der theoretischen Physik zu erklären.
„Das ist unmöglich, weil es niemals passieren kann"
– oder eben doch
„Die Zeit der Einsteins mit revolutionären Ideen ist vorbei."
Für seine Reise an den Ursprung des Universums waren zwei Dinge wichtig: das Zusammenspiel mit anderen Forschern und Eigensinn. Zusammenarbeit und der länderübergreifende Austausch mit Wissenschaftlern, gerade auch aus jüngeren Generationen, spielen eine wichtige Rolle für die Forschung Valery Rubakovs. Und das nicht erst, seit das Internet das gemeinsame Lösen von Problemen alltäglich gemacht hat. Auch wenn die Arbeit im Netz die Dinge erheblich leichter macht. Da kommt es einfach seltener vor, dass man am selben Problem arbeitet und nichts voneinander weiß, meint er lachend. Und voneinander zu wissen und um den richtigen Weg zu ringen, ist essenziell für den Erfolg als Forscher.
Valery Rubakov, Jahrgang 1955, informiert regelmäßig in populärwissenschaftlichen Vorträgen über seine Arbeit.
Die Arbeit eines theoretischen Physikers besteht vor allem darin, immer wieder Modelle und Theorien von Kollegen zu überprüfen und zu verbessern – und Kritik an der eigenen Forschung zuzulassen. So geht es Schritt für Schritt voran, in einem geordneten Wettbewerb der Ideen. „Die Zeit der Einsteins mit revolutionären Ideen ist vorbei", meint Valery Rubakov.

Und dennoch geht Valery Rubakov oft auch eigene Wege. „Ich denke gern langsam. Und ich mag es, dahin zu gehen, wo noch nicht so viel los ist", beschreibt er seine Arbeitsweise. Und genau diese Haltung, auch abseits der ausgetretenen Forschungspfade zu denken, hat die Jury des Hamburger Preises für Theoretische Physik gelobt. Denn damit bringt Valery Rubakov auch immer wieder neue Denkanstöße in sein Fach.
Valery Rubakov hat Spaß daran, die Dinge aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Obwohl ihn das als junger Wissenschaftler fast seine Karriere gekostet hätte. In den frühen 1980er Jahren reichte er eine Arbeit zur Katalyse des Protonen-Zerfalls bei einer bekannten europäischen Fachzeitschrift ein. Sie sollte ihn später berühmt machen, doch Anfang der 1980er Jahre schien die Zeit dafür noch nicht reif: „Das ist unmöglich, weil es niemals passieren kann", lautete die Antwort der Gutachter. Denn der Effekt besagt, dass die vom Standardmodell der Teilchenphysik als stabil angesehenen Protonen nicht stabil sind, sondern in der Nähe eines magnetischen Monopols sehr schnell zerfallen.
Diese Absage war für ihn niederschmetternd, sagt er, und er zweifelte sehr daran, ob er als Forscher überhaupt weitermachen solle. Aber weil er wusste, dass er recht hatte, blieb er hartnäckig und gab sich selbst und seiner Theorie noch eine Chance. Er reichte seine Arbeit beim renommierten russischen Journal for Experimental and Theoretical Physics Letters ein. Die Zeitschrift veröffentlichte umgehend seine Arbeit und sicherte damit auch die wissenschaftliche Karriere Valery Rubakovs. Heute ist diese Theorie als Callan-Rubakov-Effekt allgemein anerkannt.
Gewissheiten in Frage stellen – auch beim Urknall
Valery Rubakov hat dieses Erlebnis geprägt. Bis heute stellt er Gewissheiten seiner Kollegen in Frage. Zum Beispiel, wenn es um die ersten Sekundenbruchteile nach dem Urknall geht. Entgegen der verbreiteten Annahme, dass sich das Universum seither stetig ausbreitet, geht er davon aus, dass sich das Universum zunächst noch einmal zusammengezogen haben könnte und sich erst danach ausdehnte. Und noch etwas interessiert Valery Rubakov brennend: Ob es vielleicht auch möglich ist, darauf zu schauen, was vor dem Urknall war. Für viele theoretische Physiker ist das undenkbar, gilt doch der Urknall als Ursprung von allem. Bei seinem anstehenden Forschungsaufenthalt in Hamburg wird Valery Rubakov darüber auch mit seinen Kollegen an den hiesigen Instituten diskutieren. Zur Verleihung des Hamburger Preises für Theoretische Physik und zu Gesprächen mit Hamburger Physikern kommt er an die Elbe – je nachdem, wie die Lage um Corona sich entwickelt, wird das in diesem Herbst sein oder erst im nächsten Jahr.
„Babyfoto" des Universums im Alter von rund 380.000 Jahren. Valery Rubakov stellt die gängige Theorie infrage, wonach sich das Universum seit dem Urknall stetig ausbreitet. © ESA/Planck Collaboration
Der Hamburger Preis für Theoretische Physik
Der Hamburger Preis für Theoretische Physik ist mit einem Preisgeld von 137.036 Euro ausgestattet und damit eine der höchstdotierten Auszeichnungen für Physik in Deutschland. Das Preisgeld ist eine Anspielung auf die Sommerfeldsche Feinstrukturkonstante, die in der Theoretischen Physik eine wichtige Rolle spielt. Der Preis wird seit 2010 verliehen. Die bisherigen Preisträger leisteten wegweisende theoretische Beiträge zum Beispiel zu Quantencomputern, Graphen oder zur Supraleitung.

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