Absentismus in der schule
Jeder Schultag zählt
Jedes Jahr verlassen in Deutschland durchschnittlich sechs Prozent der Schülerinnen und Schüler die Schule ohne einen Abschluss. Eine Hauptursache: Sie kommen nicht zum Unterricht. Das Projekt "Die 2. Chance" fängt Schulverweigerer auf und führt sie oft erfolgreich zurück. Doch Schulen können dem Problem Absentismus schon früher entgegenwirken.
Für zwei Hamburger Schüler beginnt ihre zweite Chance wenige Meter hinter dem Ort, an dem sie ihre erste Chance nicht genutzt haben. Sie besuchen jetzt „Die 2. Chance", ein Projekt für Jugendliche, die die Schule verweigern. Die Einrichtung befindet sich ein paar Schritte hinter ihrer eigentlichen Regelschule im Hamburger Stadtteil Neuwiedenthal, in einem von hohen, bunten Sträuchern umgebenden Backsteingebäude, das von außen an schwedische Bullerbü-Romantik erinnert.
"Die 2. Chance" befindet sich in den Schulräumen des ReBBZs Süderelbe in Hamburg-Neuwiedenthal.
Die Idylle ist jedoch schnell vergessen, sobald man die Räume betritt. Auseinandersetzungen und Konfliktbewältigung gehören hier zum Alltag. „Die größte Herausforderung ist, die Wut der Jugendlichen auf die Erwachsenenwelt auszuhalten", sagt Harald Spiegel, einer von sechs Mitarbeitern am Standort Neuwiedenthal.
"Die 2. Chance"
"Die 2. Chance" ist ein gemeinsames Angebot von IN VIA Hamburg e.V. und den Regionalen Bildungs- und Beratungszentren (ReBBZ) Süderelbe und Harburg in Kooperation mit sieben Stadtteilschulen und dem Bezirksamt Hamburg-Harburg. Ein Team aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von IN VIA, der Bildungsabteilung des ReBBZs Süderelbe und der Beratungsabteilung des ReBBZs Harburg betreut am Standort Neuwiedenthal insgesamt 12 Jugendliche aus den Klassenstufen sechs bis neun.

Zum Angebot
Jugendlichen eine neue Perspektive aufzeigen
„Für die Schüler stehen wir am Ende eines schwierigen Bildungsweges."
Die Schüler, die in „Die 2.Chance" kommen, sind Härtefälle, bei denen es nicht gelungen ist, ihrer ablehnenden Haltung der Schule gegenüber frühzeitig entgegenzuwirken. „Für die Schüler stehen wir am Ende eines schwierigen Bildungsweges. Wir kümmern uns darum, ihnen hier wieder eine neue Perspektive aufzuzeigen", so Spiegel, der als Mitarbeiter von IN VIA Hamburg e.V., das Projekt 2008 mitaufgebaut hat.

Das Problem Absentismus beginnt jedoch bereits viel früher. Es entwickelt sich oft über einen längeren Zeitraum und mit einer komplexen Wechselwirkung unterschiedlicher Faktoren, die Schüler von einem regelmäßigen Schulbesuch abhalten. Diese liegen sowohl in der Persönlichkeit des Jugendlichen selbst begründet (zum Beispiel Schulangst) als auch in seinem sozialen Umfeld (etwa familiäre Probleme) und bedürfen immer einer Intervention.

Bei den Schülern der „2. Chance" fand diese Intervention nicht statt oder blieb erfolglos. Sie sind der Schule bereits wochenlang ferngeblieben oder haben den Unterricht verweigert. Ziel ist es jetzt, die Jugendlichen mit einem individuellen Förderplan und einer engen Netzwerkarbeit zwischen Schule, Jugendhilfe und Jugendamt in die Schule zurückzubegleiten. Und das gelingt erstaunlich oft. „Im letzten Jahr haben alle Schüler, die bei uns waren, im Anschluss auch ihren ersten allgemeinbildenden Schulabschluss gemacht", so Spiegel.
„Keine Erziehung ohne Beziehung"
Aber warum kommen die Jugendliche hierhin, nicht aber in die Schule? „Unser Hauptarbeitsmittel ist nicht die Tafel oder der Computer, sondern eine verlässliche Beziehung zu den Jugendlichen", so Spiegel. Die meisten hätten den Kontakt zur Erwachsenenwelt längst eingestellt, weil sich das Elternhaus als nicht verlässlich erwiesen habe und auch die Schule keine persönliche Beziehung bieten konnte. Daher stehen hier zunächst Vertrauen, Zuhören und Zeit haben auf dem Stundenplan. „Keine Erziehung ohne Beziehung", bringt Spiegel sein Credo auf den Punkt.
„Wenn die Schule als Ganztageseinrichtung immer mehr zum Lebensmittelpunkt wird, dann muss auch hier jemand den Beziehungspart übernehmen."
Wenn man dann mit ihm durch die Räume geht, merkt man schnell, wovon er spricht. Die Schüler kommen auf ihn zu, necken ihn, er neckt zurück, man schlägt sich ab, schaut sich in die Augen, nimmt sich in den Arm. Es ist eine familiäre Atmosphäre, die eine Regelschule schon aufgrund personeller Ressourcen nicht bieten kann.

Und doch nimmt Spiegel das System Schule nicht aus der Pflicht. „Wenn die Schule als Ganztageseinrichtung immer mehr zum Lebensmittelpunkt der Jugendlichen wird, dann muss auch hier jemand den fürsorgenden Beziehungspart übernehmen, vor allem wenn dieser zu Hause immer öfter nicht existent ist", so Spiegel. Mehr Ressourcen und individuelle Förderung, seien aus seiner Sicht alternativlos, um das Problem in den Griff zu bekommen.
„Ja, du hattest kein tolles Leben bis jetzt, aber du hast immer noch die Chance, es in eine andere Richtung zu drehen. Es ist deine Entscheidung, ob du Hilfe annimmst."
„Was können wir von einem Mädchen erwarten, dass schon von
mehreren Pflegefamilien weitergereicht wurde?"
„Was können wir von einem Mädchen erwarten, das in ihrem Leben schon von mehreren Pflegefamilien weitergereicht wurde, wenn wir keine persönliche Beziehung zu ihr aufbauen?", fragt Spiegel. Er hat dieses Mädchen vor allem über seine Ansprache erreicht. „Ja, du hattest kein tolles Leben bis jetzt, aber du hast immer noch die Chance, es in eine andere Richtung zu drehen. Es ist deine Entscheidung, ob du Hilfe annimmst", hat er ihr gesagt. Vorwurfsfrei, mit ehrlichem Interesse und immer authentisch.
Dass die Schüler dem 62-jährigen abnehmen, was er sagt, liegt auch daran, dass er selbst weiß, wie es ist, eine zweite Chance zu bekommen. In den 1990er Jahren wurde er mit Anfang 40 in seinem Job als Leiter einer EDV-Abteilung gekündigt. Über einen 1-Euro-Job kämpfte er sich zurück auf den Arbeitsmarkt und fand seine „Berufung" in der Jugendarbeit.

Wenn wie vor ein paar Wochen ein ehemaliger Schüler in „Die 2. Chance" kommt und ihm stolz erzählt, dass er gerade seine Lehre bei Airbus abgeschlossen hat, dann ist Spiegel besonders dankbar für die zweite Chance, die sie beide erhalten haben.
Er merkt dann, dass er hier wirklich etwas bewegen kann. „Bei vielen folgt auf das Schwänzen des Unterrichts später auch der Schulabbruch. Das wollen wir unbedingt verhindern", so Spiegel. Durch seine jahrelange Erfahrung in der Jugendarbeit weiß er, wie traurig viele Lebensgeschichten ohne einen Schulabschluss oft verlaufen.
Neues Projekt soll Schulabbruch frühzeitig verhindern
Die Zahl der Schüler, die die Schule ohne Abschluss verlassen, ist zuletzt wieder gestiegen und lag 2016 bundesweit bei sechs Prozent. „Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass jedes Jahr allein in Hamburg über 1.000 Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen", so Nina Lemmens, Vorstand der Joachim Herz Stiftung. Daher ist es wichtig der Schulverweigerung frühzeitig und schon vor langwierigen und schwierigen Sozialarbeitsmaßnahmen, wie der „2. Chance", entgegenzuwirken
Quote der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss
(Quelle: Caritas-Bildungsstudie 2017; Für die Zahlen in Hamburg gilt laut Senat eine Einschränkung „Durch die fehlerhafte Eingabe sind die veröffentlichten Zahlen der Vorjahre (ab 2014) vermutlich etwas zu niedrig" (siehe Drucksache 21/9721).
Dazu gibt es bereits eine Reihe wissenschaftlich fundierter Maßnahmen. Die praktische Nutzung dieser Erkenntnisse für die tägliche Arbeit in den Schulen blieb jedoch bislang weitgehend aus.
Ein neues Modellprojekt der Joachim Herz Stiftung und der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., mit der Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung als Kooperationspartner, soll diese Lücke schließen.
Jeder Schultag zählt – Strategien gegen Scheitern
Das Projekt „Jeder Schultag zählt – Strategien gegen Scheitern" soll an Schulen in den Hamburger Stadtteilen Neuwiedenthal und Rahlstedt konkrete Maßnahmen gegen Absentismus entwickeln, um einen späteren Schulabbruch zu verhindern. Das Projekt wird von der Joachim Herz Stiftung und der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. initiiert und gefördert, geleitet und umgesetzt wird es von dem Bildungsforscher Professor Heinrich Ricking von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Die Hamburger Behörde für Schule und Berufsbildung ist Kooperationspartner.

Ziel von „Jeder Schultag zählt – Strategien gegen Scheitern" ist es, ganz konkrete Maßnahmen gegen schulisches Scheitern in der Praxis zu entwickeln, zu erproben und wissenschaftlich zu begleiten, um Schulabsentismus und Schulabbruch zu reduzieren. Das Projekt läuft bis Ende 2022. Zunächst soll bis Ende dieses Jahres die Situation an den teilnehmenden Schulen analysiert werden. Im Anschluss werden im Dialog mit den Schulen geeignete Schritte gegen Schulabsentismus entwickelt und umgesetzt.

Die Joachim Herz Stiftung und die Alfred Toepfer Stiftung sind seit 2012 mit dem Projekt „heimspiel. Für Bildung" in Neuwiedenthal und Rahlstedt aktiv. In diesen Stadtteilen verlassen seit vielen Jahren deutlich mehr Schüler die Schule ohne Abschluss als im stadtweiten Durchschnitt.
Ebenso wie Sozialarbeiter Spiegel unterstreicht auch Projektleiter Heinrich Ricking die wichtige Rolle von Schulen und Lehrern bei der Prävention: „Lehrkräfte können mit ihrem Handeln verhindern, dass Schüler dem Unterricht fernbleiben." Wie das genau möglich ist, soll jetzt untersucht werden.

Spiegel ist froh, dass sich durch solche Initiativen etwas bewegt. Auch wenn ihm seine Schüler fast alle ans Herz gewachsen sind, ist er doch um jeden froh, der erst gar nicht bei ihm landet.