Wer forschen will, muss mutig sein

Laura Paulowski will forschen, um die Welt zu gestalten. Doch die Bedingungen in der Wissenschaft lassen sie an ihrem Weg zweifeln. Eine junge Frau zwischen Lebensrealität und Traumberuf.
Das Forschungszentrum Borstel, Lungen-Forschungszentrum der Leibniz-Gemeinschaft, liegt etwa eine halbe Stunde Autofahrt von Hamburg entfernt in der kleinen Gemeinde Sülfeld in Schleswig-Holstein. Bei der Einfahrt auf das Gelände erblickt der Besucher sofort das eindrucksvolle Herrenhaus im Rokoko-Stil von 1751, das Anfang der 2000er Jahre für rund sieben Millionen Euro renoviert wurde. Heute sind hier neben Veranstaltungsräumen und der Bibliothek unter anderem auch die Büroräume des Direktoriums untergebracht.
Etwa 100 Meter entfernt in einem kleinen Nebenhaus befindet sich, deutlich unscheinbarer, das Büro von Laura Paulowski. Im Vergleich zum Herrenhaus wirken die Räumlichkeiten wie ein provisorischer Container. Hier teilt sich die 32-jährige ein etwa zehn Quadratmeter großes Büro mit ihrem männlichen Kollegen. Laura ist seit 2013 am Forschungszentrum in Borstel, hat hier ihre Doktorarbeit geschrieben und arbeitet nun als Postdoc im Bereich der Infektionsforschung in der Biophysik.
„Alles was "Puff und Peng" macht"
Fragt man sie, ob sie ihre Arbeit kurz und einfach erklären könne, merkt man, wie schwer es ihr fällt, weil sie für die Wissenschaft lebt und tief mit ihrem umfangreichen Projekt verwoben ist: „Momentan beschäftige ich mich mit dem Aufbau der Zellmembran, deren Asymmetrie und welchen Einfluss dies auf die Wechselwirkung mit antimikrobiellen Peptiden haben kann. Wir haben nach wie vor eine große Lücke in der Synthese neuer Wirkstoffe mit antibiotischer Wirkung, da häufig nur bestehende Leitstrukturen verändert werden", so Laura ganz selbstverständlich. Einfacher gesagt: Sie ist auf der Suche nach Alternativen zum Antibotikum. In Zeiten der wachsenden Gefahr von Antibiotikaresistenzen eine Aufgabe von großer gesellschaftlicher Relevanz.

Schon früh zeichnete sich ihre Liebe für die Chemie und wissenschaftliches Arbeiten ab. „Alles was „Puff und Peng" gemacht hat, faszinierte mich schon immer", sagt Laura. Von der Chemie AG in der fünften Klasse, über den Chemie-Leistungskurs im Abitur, war der Weg zum anspruchsvollen Chemie-Studium an der Westfälischen Wilhelms Universität Münster nicht weit. Diesen Weg verfolgte sie mit großer Beharrlichkeit und persönlichem Ehrgeiz. So ging sie unter anderem für ein Auslandssemester an die University of California in San Diego, um zusätzlich Mathematik zu studieren.
„Etwas Bleibendes kreieren"
Alles war der späteren Karriere in der Wissenschaft untergeordnet. Einen besser bezahlten oder sicheren Job in der Industrie anzunehmen, kam für sie zu dieser Zeit nicht in Frage. „Ich wusste, dass ich mit meinen Händen arbeiten und nicht nur am Schreibtisch sitzen möchte. Für mich geht es nicht nur ums Geld, ich möchte etwas Bleibendes kreieren", so Laura. Über die befristeten Arbeitsbedingungen im wissenschaftlichen Betrieb machte sie sich zu dieser Zeit keine ernsthaften Gedanken.

Sie hält Vorträge auf Konferenzen in den USA, finanziert durch ein Fellowship der Joachim Herz Stiftung. Erst jüngst war sie zum wissenschaftlichen Austausch in Cambridge. Sie arbeitet gern, weil sie das Gefühl hat, etwas bewegen zu können.
Von einem befristeten Vertrag zum nächsten
"Ich sehe, wie sich meine Freunde im Leben etwas aufbauen, während ich immer nur von einem befristeten Vertrag zum nächsten planen kann."
Doch gleichzeitig merkt man, wie es in ihr arbeitet. „Ich habe schon seit einiger Zeit Zweifel, wie lange ich diesen Weg in der Wissenschaft aufgrund der befristeten Arbeitsbedingungen noch gehen möchte", so Laura.

Trotz der guten Rahmenbedingungen am Forschungszentrum (wie z.B. flexible Arbeitszeiten, Home Office, Kita, Audit Beruf & Familie) und eines gesicherten Dreijahresvertrags während ihrer Promotionszeit, zermürben sie nun als Postdoc vor allem die immer neuen befristeten Arbeitsverträge.

Am Anfang dachte sie, dass sie mit der Zeit besser damit zurechtkommt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Oft erfährt sie erst wenige Wochen vor Ablauf ihres Vertrages, ob dieser noch einmal um ein halbes Jahr verlängert wird. Einmal musste ihr Chef sie bereits bitten, dass sie sich arbeitssuchend meldet, da die Drittmittel nicht verlängert wurden.

„Ich sehe, wie sich meine Freunde im Leben etwas aufbauen, während ich immer nur von einem befristeten Vertrag zum nächsten planen kann", sagt Laura. Lange will sie sich das nicht mehr antun. Unternehmensberatung wäre etwas, was sie sich vorstellen könnte. „Da werden doch Naturwissenschaftler aufgrund ihrer Frustrationstoleranz und des analytischen Denkvermögens immer gesucht", sagt sie mit einem Lächeln.
Junge Wissenschaftler in prekärer Arbeitssituation
Und Laura ist mit ihren Sorgen nicht allein. Unter dem Hashtag #unbezahlt berichten zahlreiche junge Wissenschaftler in den sozialen Medien von ihrer prekären Arbeitssituation. Unbezahlte Überstunden, befristete Verträge und Gehaltsverzicht. All dies lässt sich hier nachlesen.
Diese prekären Arbeitsbedingungen haben weitreichende Auswirkungen, in erster Linie für die jungen Wissenschaftler wie Laura. So bleiben viele Frauen und Männer im wissenschaftlichen Betrieb kinderlos, weil ihre berufliche Situation über lange Zeit unsicher ist.

Nur ein Bruchteil der Nachwuchswissenschaftler erreicht nach vielen Jahren Spitzenforschung in befristeten Arbeitsverhältnissen eine der wenigen und heiß begehrten Professorenstellen. Um dem zu entgehen suchen sich viele junge Wissenschaftler einen Job außerhalb der universitären Forschung.

Diese Ausstiegsgedanken stimmen betrüblich. Denn es sind doch gerade die vielen Nachwuchswissenschaftler wie Laura, die tagtäglich hohen Einsatz und große Begeisterung für die Faszination Wissenschaft aufbringen.

Daher kann die gemeinsame Aufgabenstellung für die Zukunft nur lauten: Wie können wir Nachwuchswissenschaftlern in ihrer Karriere früher Sicherheit und gleichzeitig mehr Freiheit für Forschung geben?