Den Mutigen gehört der Abschluss

Jonas ist vor einem Jahr als Flüchtling nach Deutschland gekommen. In Hamburg besucht er eine Stadtteilschule. Doch seine Voraussetzungen sind schwierig, sein Hauptschulabschluss gefährdet. Ein viertägiges Camp soll ihm dabei helfen, sein Ziel trotzdem zu erreichen.
Jonas hält heute seine erste Präsentation auf Englisch. Das Thema dafür hat er selbst gewählt: seine Familie. Der 17-jährige ist sichtbar nervös und dennoch halten seine Augen dem Blick der Zuhörer stand. Jonas erzählt von seinem Vater, der in Israel lebt und dort als Bauarbeiter Geld für die Familie verdient. Von seiner Mutter, die in ihrer Heimat Eritrea lebt und sich um seine drei Geschwister kümmert. „Meine Familie ist sehr wichtig für mich, weil sie mir Liebe geben", ist das Fazit seiner dreiminütigen Präsentation.
Was Jonas erst später unter vier Augen erzählt, ist dass er seine Eltern sehr vermisst. Vor einem Jahr ist er alleine aus seiner Heimat geflohen aus Angst vor Zwangsarbeit für das Militär und die Regierung (Lesen Sie hier einen Hintergrundartikel zu den Flüchtlingsursachen in Eritrea). Sein Weg führte ihn zunächst in ein Flüchtlingscamp in den Sudan, dann weiter nach Libyen. Doch was ihn weiter antrieb, war sein Wissensdurst. „Ich wollte unbedingt in ein Land, in dem ich weiter zur Schule gehen konnte", sagt Jonas.

Nach einer monatelangen Odyssee kam er schließlich nach Deutschland, froh die Flucht überlebt zu haben, aber auch glücklich einfach wieder zur Schule gehen zu können. Jonas besucht seit seiner Ankunft in Hamburg eine Stadtteilschule in Langenhorn. Sein nächstes Ziel ist kein Land sondern der Hauptschulabschluss.
Früher Arzt, jetzt Krankenpfleger
Früher in Eritrea wollte er einmal Arzt werden, doch dies gehe jetzt nicht mehr, erzählt er ein wenig traurig. Für ein Studium reichen seine Sprachkenntnisse nicht aus. Dafür möchte er jetzt Krankenpfleger werden. „Hauptsache ich kann Menschen helfen", so Jonas. Damit er dieses Ziel erreicht, übt er heute diese Präsentation, die er in ähnlicher Form auch beim Hauptschulabschluss ein paar Wochen später halten muss.

Jonas hat in seinem Leben schon oft Mut bewiesen. Angekommen in Deutschland denkt er nicht daran, jetzt damit aufzuhören: Zusammen mit 36 anderen Schülern hat er sich freiwillig entschieden, beim MUT-Camp 2017 mitzumachen.
„Die Schüler halten sich oft für unfähig, den Abschluss zu erreichen, und ihnen fehlen Perspektiven für den Berufsanschluss."
Die Hamburger Initiative MUT-Camp ist ein viertägiger außerschulischer Intensivkurs für abschlussgefährdete Schüler des 9. und 10. Jahrgangs, der sie in erster Linie auf die mündlichen Prüfungen für den Ersten Schulabschluss (ESA) vorbereiten soll. Ob Flüchtling oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

„So ist auch der Begriff MUT-Camp entstanden, weil die Schüler für eine mündliche Präsentation vor einer Jury neben dem Fachwissen vor allem auch Mut und Selbstvertrauen brauchen", so Freda von der Decken, die das MUT-Camp 2015 mit Natalie Rappert und Philipp Arlt ins Leben gerufen hat.

Genau wie die anderen Teilnehmer steht auch Jonas aufgrund sozialer Schwierigkeiten mit großen Lücken und Ängsten vor den bevorstehenden Abschlussprüfungen. „Die Schüler halten sich oft für unfähig, den Abschluss zu erreichen und ihnen fehlen Perspektiven für den Berufsanschluss, sodass sich viele von ihnen aufgeben. Da wollen wir dagegen wirken", erklärt von der Decken.
„Wir haben im Alltag an unseren Schulen gemerkt, dass wir viele Schüler innerhalb des Regelunterrichts nicht ausreichend auf den Schulabschluss vorbereiten können", so von der Decken. Für eine unterstützende Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen bleibt aufgrund des straffen Lehrplans oft keine Zeit.
Aufmerksamkeit, Interesse, Erfolgserlebnisse
„Die größten „Problemschüler" entwickeln sich durch geduldige, gezielte und individuelle Unterstützung zu selbstbestimmten Menschen."
Daher haben sich die drei ehemaligen Teach First-Fellows Gedanken zu Alternativen gemacht. „Während unserer zweijährigen Arbeit an Hamburger Stadtteilschulen haben wir erkannt, dass sich die größten „Problemschüler" durch geduldige, gezielte und individuelle Unterstützung zu selbstbestimmten Menschen entwickeln, die ihre Stärken kennen und an Erfolge glauben", so von der Decken.

Gleichzeitig bemerkten die Drei, dass viele Schwierigkeiten oft mit dem Widerstand der Schüler gegen die Institution Schule zusammenhängen. Doch wenn sie die Schüler aus ihrem gewohnten Umfeld herausholten, begannen viele von ihnen aufzublühen und sogar Spaß am Lernen zu entwickeln.

Auch Jonas ist davon überzeugt, dass sich seine Chancen auf den Hauptschulabschluss nach dem Besuch des MUT-Camps erhöht haben. „Hier herrscht eine besondere Atmosphäre, die es für mich leichter macht mir etwas zuzutrauen. Ich merke, dass gute Vorbereitung sich auszahlt und ich keine Angst davor haben muss, auch mal einen Fehler zu machen."
„Die persönliche Atmosphäre ist uns sehr wichtig, da nur so individuelle Unterstützung möglich ist."
Für vier Tage ist Jonas im MUT-Camp. In einer Jugendherberge in der Nähe von Hamburg, lernt er in Kleingruppen, kümmert sich um fachliche Lücken in Mathe, Deutsch oder Englisch, baut gezielt Ängste ab, erlernt Präsentationstechniken und simuliert am letzten Tag schließlich eine Abschlussprüfung. Und das alles mit einem Betreuungsschlüssel, den öffentliche Schulen nicht bieten können. Zwei Lehrerkräfte kümmern sich hier ehrenamtlich um Gruppen, die nie größer sind als 15 Schüler. „Diese persönliche Atmosphäre ist uns sehr wichtig, da nur so individuelle Unterstützung möglich ist", sagt von der Decken.
6%
2016 verließen 992 Hamburger Schüler die Schule ohne Schulabschluss (6 Prozent).
5%
Jugendarbeitslosenquote (15 bis unter 25 Jahre) in Deutschland.
Aktuell wird das Projekt mit sieben Schulen in den Hamburger Stadtteilen Langenhorn, Billstedt, Neuwiedenthal und Wilhelmsburg umgesetzt. Brennpunktschulen, die mit besonderen sozialen und pädagogischen Herausforderungen konfrontiert sind. „Bei keinem meiner Schüler ist Deutsch die Muttersprache. Deswegen ist dieser erste Abschluss eine besonders große Hürde. Mit unserem MUT-Camp wollen wir dafür sorgen, dass sie diese Herausforderung meistern", sagt Natalie Rappert.
2016 verliessen in Hamburg über 900 Jugendliche die Schule ohne Abschluss. „Wir wollen mit dazu beitragen, diese Zahlen zu senken. Das ist der Anspruch des MUT-Camps", so von der Decken. Und bislang geht das Konzept auf. 138 der 144 Schüler, die an einem MUT-Camp teilgenommen haben, haben im Anschluss auch ihren Ersten Schulabschluss erreicht. Jonas gehört mittlerweile auch dazu.