„Ich lebe in der Hoffnung, bald zurückzugehen."

Seit April ist die Germanistin Maryana Yaremko mit einem Fellowship für ukrainische Wissenschaftler:innen, das von der Joachim Herz Stiftung finanziert wird, am HIAS in Hamburg. Im Interview erzählt sie, was sie in den vergangenen Wochen motiviert hat.
Maryana Yaremko ist ukrainische Germanistin. Sie lehrt seit 2006 am Lehrstuhl für Deutsche Philologie der Nationalen-Iwan-Franko-Universität Lwiw und war für ein Auslandssemester sowie Forschungsaufenthalte bereits mehrfach in Hamburg. Sie gehört zu den rund zehn Millionen Menschen, die die Ukraine seit dem 24. Februar 2022 als Folge des russischen Angriffskriegs verlassen haben.

Liebe Frau Yaremko, Sie haben ein Fellowship für geflüchtete ukrainische Wissenschaftler:innen am HIAS (Hamburg Institute for Advanced Study) in Hamburg erhalten. Wie sind Sie auf das Angebot aufmerksam geworden?
Als der Krieg ausgebrochen ist, wurde der Unterricht an der Universität Lwiw für zwei Wochen ausgesetzt. Ich bin in dieser Zeit zu meinen Verwandten nach München gefahren, weil die Lage völlig unklar war. Niemand wusste, wie es weitergehen wird und in welchem Ausmaß sich der Krieg ausbreitet. Ich wollte eigentlich nur zurück, aber ich war zu diesem Zeitpunkt auch nicht imstande, die bestehende Lebensgefahr zu ignorieren.
An einem Abend habe ich im Internet nach Forschungsprogrammen für geflüchtete ukrainische Wissenschaftler:innen recherchiert. Ich hatte von den zahlreichen deutschen Hilfsangeboten gehört und habe natürlich sofort an Hamburg gedacht, wo ich mehrfach dank der wissenschaftlichen Betreuung und Unterstützung von Herrn Prof. Hans-Gerd Winter geforscht habe. Ich bin dann sehr schnell auf das HIAS-Fellowship gestoßen, habe aber noch zwei oder drei Tage gezögert, ob ich mich bewerben soll. Als ich meine Unterlagen eingereicht habe, ging dann alles sehr schnell und nur zwei Wochen später war ich in Hamburg. Ich bin Herrn Prof. Winter und dem HIAS sehr, sehr dankbar für diese Möglichkeit.
Sie haben schon während Ihres Aufenthalts in München wieder begonnen, Ihre Studierenden, die sich zu diesem Zeitpunkt an vielen verschiedenen Orten in der Ukraine aufgehalten haben, zu unterrichten. Wie war das für Sie?
Ja, das war mir sehr wichtig. Mir war klar, dass wir das Studium online fortsetzen müssen und dass ich einen Ort brauche, an dem ich effizient arbeiten kann. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich um das Stipendium beworben habe. Als wir wieder anfingen, haben die Studierenden sich sehr darüber gefreut; niemand wollte fehlen oder etwas verpassen. Ich glaube, dass ihnen die Routine gerade jetzt dabei hilft, ihren Alltag zu meistern. Und ich freue mich, dass ich ihnen durch meinen Unterricht ein bisschen helfen und Stabilität geben kann.
Konnten Sie auf digitalen Lehr-Erfahrungen aufbauen, die Sie während der Corona-Pandemie gemacht haben?
"Ich möchte nicht, dass meine Studierenden diese Zeit verlieren und das Gefühl haben, dass das Leben an ihnen vorbeizieht."
Ja, aber ich war auch schon vorher dank der zahlreichen Fortbildungen am Goethe-Institut daran gewöhnt in Blended-Learning-Kursen zu arbeiten. Mittlerweile sind fast alle Lehrbücher auf den digitalen Unterricht ausgerichtet und die digitalen Tools sind sehr effizient. Aber es sind auch neue Fragen entstanden. Zum Beispiel, was wir bei Luftalarm machen. Ich muss dann sofort mit dem Unterricht aufhören. Eine weitere Schwierigkeit ist, dass wir alle an unterschiedlichen Orten sind, ich habe auch Studierende aus dem Süden oder der Zentralukraine. Wir haben also vereinbart, dass sie – wenn möglich – im Keller oder Schutzraum Aufgaben machen, die sie im Voraus von mir bekommen haben. Ich möchte nicht, dass sie diese Zeit verlieren und das Gefühl haben, dass das Leben an ihnen vorbeizieht.
Über Maryana Yaremko
Maryana Yaremko ist ukrainische Germanistin. Sie lehrt seit 2006 am Lehrstuhl für Deutsche Philologie der Nationalen-Iwan-Franko-Universität Lwiw und promovierte zum Thema „Schweigen in den Berliner Romanen von Robert Walser" (2015). Für ein Auslandssemester (2004-2005) und mehrere Forschungsaufenthalte an der Universität Hamburg (2008, 2009-2010, 2017, 2019) war sie bereits mehrfach in Deutschland. Maryana Yaremkos Forschungsinteressen liegen im Bereich der linguistischen Textanalyse, der pragmatischen Stilistik, Narratologie und Literaturwissenschaft. Einen Schwerpunkt ihrer Berufstätigkeit bilden die Methodik und Didaktik des Deutschen als Fremdsprache. Prof. Dr. Hans-Gerd Winter, der Maryana Yaremko bereits in der Vergangenheit im Rahmen ihrer Forschungsaufenthalte betreute, unterstützt sie nun auch während ihres Fellowships am HIAS als Tandempartner.
Vermittelt der Unterricht auch Ihnen etwas Normalität?
Ja, das verschafft mir einen freien Kopf und ein positives Gefühl. Nicht nur der Unterricht, auch dass ich hier noch ein paar Semesterarbeiten betreuen und mich in meine Forschung vertiefen kann. Ich plane beispielsweise, die Ergebnisse meiner Promotion, die ich auf Ukrainisch geschrieben habe, in einem Beitrag zusammenzufassen und in einer deutschsprachigen Zeitschrift oder einem Sammelband zu veröffentlichen. Ich denke, wir alle sollten mit dem weitermachen, was wir gut können. Aber natürlich geht es in meinem Unterricht jetzt gerade nicht nur darum, Deutsch oder theoretische Kenntnisse zu vermitteln, sondern ich sehe mich vor allem auf der menschlichen Ebene als eine Ansprechpartnerin für meine Studierenden. Softskills sind im Moment sehr wichtig.
Stehen Sie mit Ihren Kolleg:innen von der Nationalen-Iwan-Franko-Universität Lwiw derzeit im Austausch?

Ja, sehr regelmäßig. Wir schreiben Mails und natürlich gibt es viele Online-Sitzungen, das kennen wir durch Corona ja schon.

Wie ist die Situation an Ihrem Lehrstuhl, sind viele Lehrende aus Lwiw geflüchtet?

Einige, die so wie ich Kontakte in Deutschland oder anderen Ländern hatten, sind im Moment nicht dort, aber die meisten sind vor Ort geblieben. Aber ich komme aus der Westukraine, in Charkiw oder Mariupol würden Sie eine ganz andere Antwort bekommen.
Wie stehen Sie zu einem befürchteten „braindrain" der akademischen Gemeinschaft in der Ukraine?
Ich glaube, wenn sich aus dieser vorübergehenden Situation Partnerschaften und Kooperationen, also Wissenschaftsbrücken, ergeben, dann ist das etwas Positives. Ich versuche immer, im Negativen auch das Positive zu sehen. Von so einem Austausch kann die Wissenschaft nur profitieren.
Wissen Sie schon, wie es nach Ihrem Fellowship für Sie weitergeht?
Ich will mich noch nicht festlegen, das hängt auch davon ab, wie es an meiner Universität weitergeht. Aber ich lebe in der Hoffnung bald zurückzugehen und das gibt mir viel Kraft. Es kann gar nicht anders sein, eine andere Option gibt es für mich nicht.
"Ich wünsche mir, dass es eine Perspektive für neue Partnerschaften und den Austausch zwischen jungen Menschen gibt."
Wenn Sie einen Wunsch an Deutschland richten dürften, was wäre das?
Das Studium und der wissenschaftliche Betrieb in der Ukraine laufen weiter und durch Konferenzen und Tagungen, die online stattfinden, ergeben sich neue wissenschaftliche Kontakte. Ich wünsche mir, dass es eine Perspektive für Projekte und Partnerschaften zwischen Hochschulen sowie für den internationalen Austausch zwischen Student:innen und Wissenschaftler:innen gibt. Ich hoffe, dass Deutschland uns dabei unterstützen kann, vielleicht auch finanziell. Denn die wissenschaftliche Zusammenarbeit darf nicht aufhören zu existieren.
Frau Yaremko, herzlichen Dank für das Gespräch.
Ukraine-Engagement der Joachim Herz Stiftung
Mit einem Förderfonds in Höhe von 500.000 Euro unterstützt die Joachim Herz Stiftung seit März 2022 kooperierende Institutionen aus Bildung und Wissenschaft. So werden Projekte in den heimspiel-Quartieren aufgestockt, Sprachförderprojekte aus dem Megafon-Wettbewerb finanziell gestärkt und das Programm "Scholars at Risk" für geflüchtete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Hamburger Einrichtungen unterstützt. Auch das Fellowship von Maryana Yaremko am HIAS (Hamburg Institute for Advanced Study) wird von der Joachim Herz Stiftung finanziert. Über 20.000 Euro flossen in Bücherspenden zur Anschaffung ukrainisch-sprachiger Literatur, überwiegend in Hamburger Bücherhallen. „Wir hoffen, dass wir mit unserem Förderfonds einen Beitrag leisten können, die unmittelbaren Folgen des Krieges für die in Hamburg lebenden Ukrainerinnen und Ukrainer etwas zu lindern", so Dr. Nina Lemmens, Programmvorständin der Joachim Herz Stiftung.
Fotonachweis: Maryana Yaremko © Claudia Höhne, alle anderen Fotos © Adobe Stock