Interview
„Dranbleiben, nicht entmutigen lassen!"
Wenn irgendwo im Ruhrgebiet eine Veranstaltung für Startups stattfindet, ist Carmen Radeck nicht weit. Der Texterin, Journalistin und Bloggerin ist es gelungen, dort eine Gründerszene aufzubauen. Dabei hat sie viel Zeit und Herzblut investiert. Inzwischen wird auf zahlreichen Veranstaltungen genetzwerkt und zusammengearbeitet. Denn Erfahrungen müssen geteilt werden. Ein Gespräch über das A und O einer funktionierenden Gründungskultur.
Wenn Sie nur einen Tipp für junge Gründer hätten – welcher wäre das?
Seine Zielgruppe genau zu kennen und zu versuchen, seine Lieblingskunden zu erreichen. Ein Gründer nimmt anfangs jeden Auftrag an und hat dann oft Kunden, mit denen eine Zusammenarbeit schwierig ist. Deshalb sollte man sich zunächst genau überlegen: Mit welchen Kunden möchte ich arbeiten? Und mit welchen nicht? Die Zielgruppe engt sich ein – aber das ist wichtig.
Sie gelten als „Gründer-Queen" des Ruhrgebiets. Schmeichelt Ihnen dieser Titel?
Ich habe tatsächlich ein bisschen meine Berufung gefunden. Obwohl es anfangs gar nicht mein Ansinnen war, die Gründerszene hier mitzugestalten. Ich wollte über Startups berichten und fragte mich, wieso es hier so wenige gibt.
Haben Sie es herausgefunden?
Es liegt vor allem daran, dass die einzelnen Städte hauptsächlich für sich arbeiten, ohne den Blick über den ­Tellerrand zu heben und das Ruhrgebiet als Region zu sehen. Da fehlte der Austausch. Außerdem kam wenig Initiative von Gründern – also der Basis selbst. Deshalb habe ich zusammen mit anderen Gründern angefangen, Events zu organisieren, die ruhrgebietweit stattfinden. Zum Beispiel die „Fuckup Nights", ein Format, in dem Unternehmer von ihren Fehlschlägen berichten. Christian Lindner von der FDP war auch schon da. Das kam unglaublich gut an und brachte hier in der Region einiges ins Rollen. Man hat gemerkt, dass eine Aufbruchstimmung herrscht – dass es viele Menschen gibt, die ihr eigenes Ding machen wollen.
Carmen Radeck
RuhrGruender.de
Carmen Radeck hat als freie Journalistin zunächst für die „Westfälische Rundschau" gearbeitet. Als die Redaktion geschlossen wurde, musste sie sich neu orientieren. Das nötige Fachwissen bekam sie weder in der Ausbildung zur Musikalienhändlerin noch im Germanistik- und Philosophiestudium vermittelt. Schnell startete sie eigene Projekte – ihr Blog ruhrgruender.de legte den Grundstein für ihren Einsatz in der Gründerszene im Ruhrgebiet.
Was ist dann passiert?
Die stärkere Eigeninitiative der Gründer, sich zu vernetzen, eigene Networking-Events zu veranstalten, Erfahrungen und Know-how auszutauschen – all das hat das Zusammenwachsen einer ruhrgebietweiten Gründerszene vorangetrieben.
Ist es nicht schwer, eine ganze ­Region unter einen Hut zu bringen?
Der Drang nach Austausch war da – ich bin auf offene Ohren gestoßen. Es ist wichtig, dass die Initiative von der Basis kommt. Wer in der Szene verankert ist, engagiert sich langfristig. So hat sich der Prozess verselbstständigt. Die Leute lernen sich kennen, gehen auch in die Nachbarstädte. Schließlich wurden wir von „offizieller" Seite und großen Unternehmen wahrgenommen. Auch die Unis gehören zum Netzwerk. Das hat sich so richtig aber alles erst in den letzten zwei bis drei Jahren entwickelt.
„Der Drang nach Austausch war da."
Woher kam die Schubkraft?
Partner wie zum Beispiel der Initiativkreis Ruhr, in dem die 70 größten Unternehmen der Region vernetzt sind, ermöglichen die Umsetzung größerer Projekte wie beispielsweise die Veranstaltung des „Ruhr Summits" als erster großer Startup-Konferenz im Ruhrgebiet. Und zwar vor allem mit finanzieller Unterstützung und dem Netzwerk hinter der Initiative.
Welche Bedeutung hat ein Netzwerk für Gründer?
Es ist superwichtig, denn Gründern fehlt meistens unternehmerische Kenntnis. Sich über ein Netzwerk austauschen zu können ist Gold wert. Leute zu finden, die von ihren Erfahrungen berichten, hilft, Fehler zu vermeiden, die andere bereits gemacht haben. Auch lassen sich auf diesem Wege erste Kunden generieren – das ist wichtig fürs Vorankommen.
Wie helfen Startups einander?
Beispielsweise im Vertrieb. Neue Technologien sind oft erst mal erklärungsbedürftig. Das macht es Startups schwer, potenzielle Kunden davon zu überzeugen, ihr Produkt zu kaufen. Um einem Kunden zu zeigen, wie eine Zusammenarbeit aussehen könnte, veranstaltet ein Big-Data-Startup aus dem Ruhrgebiet beispielsweise Hackathons. Das sind Veranstaltungen, auf denen gemeinsam nützliche Softwarelösungen entwickelt werden. Ein potenzieller Kunde formuliert ein Problem, das er in seinem Unternehmen hat, und das Startup erarbeitet gemeinsam mit zwei anderen eine Lösung. Eine kreative Herangehensweise, wie ich finde.
Wie ist es dabei um die Solidarität bestellt? Entsteht keine Konkurrenz?
Ein faires und solidarisches Klima entsteht, wenn man offen und ehrlich miteinander umgeht und wenn man vor allem bereit ist, seine Erfahrungen und Learnings miteinander zu teilen.
Ihr Blog ist sehr erfolgreich. Wie setzt man Social Media richtig ein?
Im Blog kann ich meine Fähigkeiten zeigen und mich bekannt machen. Es muss aber nicht immer ein Blog sein. Wer lieber frei spricht, dreht ein Video oder nimmt einen Podcast auf. Wichtig ist es, authentisch zu sein, nicht perfekt. Mein Rezept lautet: immer die Probleme der Zielgruppe vor Augen haben. Sie müssen sich in meinen Inhalten widerspiegeln.
Ich muss mir aber überlegen: Auf welchen Kanälen sind meine potenziellen Kunden unterwegs? Wo kann ich sie erreichen? Das gilt auch für Pressemitteilungen. Es gibt nicht die eine Mitteilung für alle Medien. Ich muss mich fragen: Wie setze ich Kommunikation gezielt ein? Häufig wird ein Blog angefangen und dann nicht fortgeführt. Manche setzen eine Facebook-Seite auf, setzen ein paar Posts ab – und das war's dann. Aber Kontinuität und Aktualität sind wichtig!
Noch ein Tipp zum Schluss?
Dranbleiben, sich nicht entmutigen lassen. Weitermachen heißt, aus Fehlern lernen zu können. Anfangs klappt vieles nicht. Das bedeutet aber nicht, blind loszulegen. Jeder sollte sich schon fragen, was er künftig besser machen kann. Und dafür eignet sich der Austausch über ein Netzwerk am besten.
Interview: Elke Schulze
Fotos: Michael Neuhaus

Dieses Interview erschien erstmals in der fünften Ausgabe von "Aufbrüche - Das Bildungsmagazin" im Oktober 2017. www.joachim-herz-stiftung.de/magazin