Interview
„Man muss rausgehen und es einfach machen"
Früher hatte Alassane Jensen eine Vier in Deutsch. Heute beschäftigt sich der Hamburger Musiker beruflich mit Sprache, gibt Rap-Workshops und Kurse in Kreativem Schreiben. Hip-Hop ist für ihn der ideale Weg, der eigenen Stimme Gehör zu verschaffen.
„Alassane", „AJ", „Redchild" … – das Internet spuckt viele Namen aus, wenn man Sie googelt. Wie möchten Sie angesprochen werden?
Alassane Jensen ist mein Name. So kann mich auch jeder nennen. Der Name kommt aus Benin und wurde aus dem Arabischen ins Französische übernommen. „AJ" ist nur für Leute, die sich das nicht merken können.
Und „Redchild"?
Irgendwann habe ich angefangen, Beats zu bauen. In meinem Programm gibt es einen Color Code. Wenn ich die einzelnen Elemente benenne, dann steht Rot für den Beat, und mit dem Beat spiele ich am meisten rum. Deswegen „Redchild".
Was war der Haken?
Individualität spielt keine Rolle. Es werden Maßstäbe angelegt, die für die reale Welt draußen keine Relevanz haben. Eine Vier in Deutsch sagt nichts darüber aus, ob ich mit dieser Sprache umgehen kann oder nicht. Die Note zeigt nur: Wie fleißig bist du im Umfeld Schule? Ich hatte immer eine Vier oder eine Fünf im Zeugnis – und gebe heute Workshops an Schulen im Bereich Kreatives Schreiben. Das ist für mich schon ein kleiner Widerspruch.
Alassane Jensen
aka „Redchild"
Alassane Jensen, aka „Redchild", gilt als einer der besten Freestyle-Rapper in Hamburg. Seit 2009 unterrichtet er an der „HipHop Academy" in Billstedt und gibt Workshops an Schulen in Europa und den USA, um Jugendlichen die Ausdrucksmöglichkeiten des Hip-Hop zu vermitteln. Alassane ist Sounddesigner, Producer und Musiker. Seine Debüt-EP „Sprachgesang" veröffentlichte er Ende Juli 2017. Das aktuelle Video „Warten auf den Regen" erschien zeitgleich zum Digital Release auf redchild.de im „Juice"-Magazin unter juice.de.
Wenn Sie eher spielerisch an eine Sache rangehen: Wie ist dann Ihre Schulkarriere verlaufen?
Sagen wir mal: wechselhaft. Ich bin sehr, sehr viel angeeckt, weil ich keinen Zugang zum Konzept Schule gefunden habe. Ich habe die siebte Klasse wiederholt, bin dann weiter bis in die Neunte gekommen, war dann angeblich nicht gut genug für die zehnte Klasse auf dem Gymnasium und bin auf eine Realschule gewechselt. Dann folgte ein Schuljahr in den USA, danach bin ich auf ein Wirtschaftsgymnasium gegangen, von da auf das nächste Wirtschaftsgymnasium. Man kann wohl sagen, dass ich keine wirkliche Affinität zum deutschen Schulsystem hatte.
Wie haben Sie Ihre Musikalität entdeckt? Wohl nicht in der Schule …?
Durch Neugierde. Musik ist etwas, das man ganz von selbst entdecken kann. Ich reagiere auf Klänge. Ich drücke eine Taste auf einem Klavier, bin fasziniert vom Sound, ich drücke mehrere Tasten, merke, es passiert etwas anderes. Ich sehe eine Trommel, ich haue drauf, und es klingt so … Ich haue mehr am Rand, und es klingt anders. Ich fange an, rhythmisch zu spielen, und plötzlich hat es etwas Repetitives, und es „catcht" mich. Ich bin dann fokussiert auf diese eine Sache. Das gab's in meinem Leben ansonsten nicht so häufig: dass ich mich richtig auf eine Sache konzentriert habe.
Und wie kamen Sie zum Hip-Hop?
Als ich sieben war, hat mir mein Nachbar eine Kassette geschenkt. Darauf war ein Rap-Track, der mich richtig fasziniert hat: „1, 2, 3, Rhymes Galore (From New York to Germany)" von DJ TOMEKK featuring Afrob, MC Rene, Flava Flav, Jazzy Jeff. Später habe ich mich intensiver mit Hip-Hop auseinandergesetzt – vor allem mit deutschem. Mit 14 habe ich angefangen, Texte zu schreiben, auf Klassenfahrt im Reisebus, zusammen mit zwei anderen Jungs.
Auf Englisch oder auf Deutsch?
Beides. Ich habe mir da nie ein Sprachkorsett gegeben.
Wann trauten Sie sich das erste Mal zum Rappen ans Mikro?
So richtig mit 18. Als ich aus den USA wiederkam, habe ich aktiv bei Battles mitgemacht. Einmal pro Woche gab es in der Schanze (Hamburger Schanzenviertel, Anm. d. Red.) im Haus 73 die Freestyle-Session „The Bench". Ich war jeden Donnerstag da. Nach meinem Football-Training, mit Sporttasche und allen Sachen. Morgens dann ohne Schlaf um 7 Uhr Zähne putzen und direkt in die Schule fahren. Ich hatte endlich etwas gefunden, mit dem ich mir Gehör verschaffen und das, was ich denke und fühle, in eine Form verpacken konnte. Das Schöne am Hip-Hop ist, dass man von Anfang an alles hat, was man braucht. Man kann Musik mit dem Mund, mit den Händen, mit der nächsten Wand machen. Oder man schreibt Texte.
„Hip-Hop hilft, sich mündig zu machen"
Hip-Hop oder Rap sagt ziemlich deutlich, was Sache ist. Ist Hip-Hop eine Jugendkultur, mit der man seine Wut ausdrücken kann?
Ich würde es nicht als Kultur der Wut darstellen wollen. Hip-Hop entstand in den USA der 60er- bis 70er-Jahre, in einem Umfeld, in dem es sehr viel Gewalt gab und als in der afroamerikanischen Bevölkerung viel Unmut über die gesellschaftlichen Zustände herrschte. Die Gründer des Hip-Hop wollten eine Umgebung schaffen, in der Kinder normal aufwachsen konnten und nicht direkt in eine Gang-Kultur gezogen wurden, die Gewalt und Kriminalität fördert. Die Hip-Hop-Kultur hält der Gesellschaft einen Spiegel vor: Wo sind die Missstände, was passiert eigentlich, und was trauen sich viele Menschen gar nicht zu sagen? Hip-Hop ist fast schon eine Art Energieumwandlung. Man nimmt etwas, wie zum Beispiel ein negatives Umfeld, und wandelt es in etwas Positives um. In etwas, das einem selbst Energie gibt. Hip-Hop hilft, sich mündig zu machen.
Unter anderem unterrichten Sie heute Kinder und Jugendliche in der „HipHop Academy" im Hamburger Stadtteil Billstedt. Früher haben Sie dort selbst am Sommercamp teilgenommen. Inwiefern war das wichtig für Sie?
Die Organisatoren der Academy holen sich verschiedene Repräsentanten aus der Szene ins Haus, die Kurse geben und eben auch ein Sommercamp veranstalten. Dort treffen sich junge Leute zwischen 13 und 22 und erarbeiten zusammen Hip-Hop-Elemente: Breakdance, Beats produzieren, DJing, Rap, New Styles, andere urbane Tanzstile, und alle tauschen sich aus. In der „HipHop Academy" bekommt man auch Feedback zum eigenen Leistungsstand. Es kann nämlich nicht wirklich etwas entstehen, wenn man keine Leute sieht, die besser sind. Für mich war das zum Beispiel der Rap-Coach „Spax", eine unglaubliche Maschine im Bereich Freestyle-Rap. Er stellt sich hin und fängt an, frei, ohne zu überlegen, Reime, Wortketten, Flows aneinanderzureihen. Und man steht da und denkt sich: Okay, krass – wie kann ein Mensch ein solches Wortgeflecht komponieren, ohne sich vorher hinzusetzen mit einem Stift und einem Blatt und das detailliert aufzuschreiben?
Und wie geht so was?
Man muss rausgehen und es einfach ausprobieren. Es gibt ja dieses berühmte Zitat: „Ich denke, also bin ich." Viele Leute ruhen sich darauf aus. Sie sind – aber was passiert dann? Eigentlich wäre die logische Schlussfolgerung: „Ich bin, also tue ich." Aber die wenigsten wissen, was sie eigentlich tun sollen. Die Eltern, die Gesellschaft, die Schule, alle reden einem rein: Du brauchst Abitur. Du musst studieren. Du musst eine Ausbildung machen. Die Menschen sind sehr individuell. Wenn man sie so präkonditioniert, kann es sein, dass sie einen Lebensweg einschlagen, der gar nicht für sie gemacht ist. Jeder Mensch hat etwas in sich. Und er wird nur herausfinden, was das ist, wenn er seine eigenen Leidenschaften verfolgt, ausprobiert. Auch Sachen, die erst mal abwegig erscheinen.
Wie war das bei Ihnen?
Ich habe mit Rap angefangen, bin über Rap zur Musikproduktion und darüber zu Veranstaltungen gekommen. Heute bin ich kein Rapper, sondern ich veranstalte Jam Sessions, hoste Breakdance- und Hip-Hop-Battles. Ich fahre in der Weltgeschichte rum, in der Türkei, Dänemark, Amerika, und gebe Workshops in Kreativem Schreiben und Rap und unterrichte Kinder an Schulen. All das ist passiert, weil ich mich mit Rap beschäftigt habe. Das heißt: Mir hat eine Sache tausend Türen geöffnet, und ich habe ausprobiert, was sich dahinter befindet.
„Wenn dein höchstes Ziel im Leben ist, Geld zu verdienen, hast du was falsch gemacht"
Der Rapper Jay Z hat mal gesagt: „I'm not a businessman, I am a business, man." Was raten Sie Jugendlichen, die als Berufswunsch „Rapper" angeben, weil sie auch so reich und berühmt werden wollen wie Jay Z?
Wenn dein höchstes Ziel im Leben ist, Geld zu verdienen, hast du was falsch gemacht. Geld ist etwas, das dich in die Nähe deiner Ziele bringt, es kann aber nicht das ultimative Ziel sein. Wenn du das glaubst, fang noch mal von vorn an. Wenn du dich ausdrücken und Menschen etwas mitgeben möchtest, wenn du dich selber verwirk­lichen, etwas schaffen, etwas kreieren willst, dann hast du den richtigen Ansatz. Wenn du dann nicht weißt, wie das geht: Hey, willkommen im Club! Genau da fängt man an.
Interview: Sabine Cole
Fotos: América Méndez
Video: Arnold Hammer (Kamera), Rechild (Regie)