Die Hacker School: mit Profis Programmieren lernen
Kinder und Jugendliche nutzen digitale Medien selbstverständlich. In der Hacker School lernen sie, was hinter den Nutzeroberflächen steckt: Sie wenden Programmiersprachen an und bauen erste eigene Apps und Websites. Wir haben einen Kurs begleitet.
Das soll Jonas* bitteschön mal jemand erklären: „Warum bezeichnet man die Hauptüberschrift mit H1 und die Unterüberschriften dann mit H2 und H3? Eigentlich muss doch die größte Überschrift auch die höchste Zahl haben. Ist doch klar." Nein, html ist nicht immer logisch. Zumindest für die zehn bis zwölf Jahre alten Teilnehmer der Hacker School wirft die gängige Programmiersprache für Internetseiten immer wieder Fragen auf.

Luca*, Jonas, Mirco*, Friedrich*, Lorenz* und Hannah* sind in den vergangenen Monaten wie alle Schüler in Deutschland gar nicht oder nur tageweise zur Schule gegangen. Dafür sitzen sie viel vor dem Computer und lösen daheim Schulaufgaben. Ganz schön viel Zeit vor dem Bildschirm, könnte man meinen. Aber die sechs Schüler haben Lust, hinter die bunten Fassaden des Internets zu schauen. Sie wollen wissen, wie Websites aufgebaut sind. Und da bleiben Fragen nicht aus.

Elisabeth, Moritz und Robin sorgen dafür, dass diese Fragen beantwortet werden. Obwohl die drei selbst gerade erst mit der Schule fertig sind, kennen sie sich bestens mit Computern aus. Moritz betreibt sogar seit gut einem Jahr eine eigene Firma, die individuelle Softwarelösungen für Unternehmen anbietet. Ehrenamtlich bringen sie als so genannte Inspirer den sechs Teilnehmern bei, wie html funktioniert. An zwei Nachmittagen und komplett online per Videokonferenz arbeiten sie mit den Schülern. Corona beschert auch der Hacker School besondere Formate.
Eine Website entsteht Zeile für Zeile
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde geht es los. Die Aufgabe: Eine Website bauen, zum Beispiel über eine bekannte Person. Mit Überschriften, Absätzen, Bildern und vielleicht auch Videos. Alles Zeile für Zeile programmiert, immer mit dem einleitenden Zeichen < und dem abschließenden Zeichen >. Wie bei IT-Spezialisten üblich, machen sich die Schüler In Zweierteams an die Arbeit. Denn beim Programmieren ist der Austausch untereinander mindestens so wichtig wie die Kommunikation mit dem Computer.
Zu Beginn der Online-Session lernen die Teilnehmer, wie die Überschrift einer Website programmiert wird.
Die ersten Schritte fallen noch schwer. Aber die drei Inspirer erklären immer wieder geduldig, welche Regeln beim Schreiben von html-Befehlen zu beachten sind. Und tatsächlich kann am Ende des zweiten Nachmittags jeder Teilnehmer eine ansehnliche Website präsentieren. Zu Albert Einstein, Musikstars, oder bekannten Sportlern.
Erfolgsprojekt Programmieren für Schüler
Die Hacker School gibt es seit 2014. Sie ist ein Erfolgsprojekt: Vor drei Jahren nahmen gut 200 Schüler an den Kursen teil. 2019 waren es schon über 5000. Das Ziel ist, durch spielerisches Lernen Begeisterung für IT zu wecken, erklärt Benjamin Heberling von der Hacker School. „Es gibt bei uns kein festes Curriculum. Die Teilnehmer sollen durch eigenes Ausprobieren lernen, wie ein Computer funktioniert. Wie sie mit ihm kommunizieren, wie er ihre Befehle umsetzt." Dinge also, die nach seinen Worten im Informatikunterricht an den Schulen, wenn überhaupt, zu selten vorkommen.

Dass deutsche Schüler großen Nachholbedarf in Sachen IT-Kompetenz haben, zeigt auch das neueste MINT-Nachwuchsbarometer. Demnach weist inzwischen jeder dritte Achtklässler schwache Leistungen im Umgang mit Computern auf. Den Digital Natives fehlt also immer öfter das Wissen, welche Technik hinter den Programmen steckt, die sie im Alltag selbstverständlich nutzen.
Ehrenamtliche Nachwuchsförderung
In den Hacker-School Kursen leiten erfahrene Inspirer die Teilnehmer an.
Bei der Hacker School versuchen ehrenamtliche Inspirer, das Interesse an Computern und IT zu wecken. In der Regel sind sie zwischen 30 und 50 Jahre alt und arbeiten als freie IT-Berater, als Hochschuldozenten oder in den IT-Abteilungen großer Unternehmen. Dort fanden vor der Corona-Pandemie auch die Kurse statt. „Darauf legen wir viel Wert. Denn es geht uns auch darum zu zeigen, wie und wo Programmierer eigentlich arbeiten", sagt Benjamin Heberling. Und noch etwas ist den Machern der Hacker School wichtig: IT denjenigen näherzubringen, die sich das Programmieren nicht selbst zutrauen. Deswegen gibt es Kurse nur für Mädchen oder auch Angebote, die sich speziell an Kinder und Jugendliche richten, deren Eltern sich keine Computer leisten können.
Vorkenntnisse sind nicht nötig
Mitmachen kann jeder. IT-Vorkenntnisse werden für die Teilnahme an den Kursen nicht verlangt. „Wir schauen zu Beginn, wer schon Erfahrungen im Programmieren mitbringt und bilden dann entsprechende Kleingruppen. Das klappt sehr gut", sagt Benjamin Heberling. Das zeigt sich auch beim html-Kurs: Trotz unterschiedlicher Vorkenntnisse arbeiten die sechs Schüler gut zusammen und sind am Ende zu Recht stolz auf ihre Ergebnisse.
Eines von sechs Ergebnissen nach gut acht Stunden Hacker-School: eine Website über die Erde.
Und wie steht es um die Digitalisierung der Hacker School selbst? Vollständig digitale Kurse sollen die Ausnahme bleiben. Da ist sich Benjamin Heberling sicher. Zwar laufen gerade alle Kurse per Videokonferenz. „Und das funktioniert auch. Aber digitale Begegnungen haben Grenzen und können nicht die Qualität von sozialer Nähe entwickeln, die für Austausch von Wissen und Lernen die Beste ist. Für mich lebt unser Modell von der direkten Interaktion. Und die hat offline einfach noch einmal eine andere Qualität als durch die Kamera", sagt er. Ob online oder wieder im direkten Kontakt – Luca, Jonas, Mirco, Friedrich, Lorenz und Hannah wollen auf jeden Fall wieder einen Kurs bei der Hacker School belegen. Und dann noch aufwendigere Websites bauen.

* Alle Namen der teilnehmenden Schüler wurden geändert und ihre Bilder in der Videokonferenz unkenntlich gemacht.
© für alle Bilder: Hacker School

Die Hacker School
Die Idee der Hacker-School ist einfach: Digitale Kompetenzen sind heutzutage entscheidend, um gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Entwicklungen zu verstehen und mitzugestalten. Doch im Informatik-Unterricht lernen Schüler oft nur, wie man Powerpoint-Folien bastelt. Der Unterricht vermittelt in der Breite nicht die Inhalte, die junge Menschen brauchen, um sich in der digitalen Welt zurechtzufinden.

In der Hacker School geht es nicht darum, Informatiker auszubilden, sondern Kinder und Jugendliche zu inspirieren und für IT zu begeistern. Die Inspirer der Hacker-School sind Fachleute aus der Softwareentwicklung, Computerspiele-Programmierung oder Robotik. Menschen, die in ihrem Beruf täglich mit dem Thema zu tun haben, das sie den Jugendlichen näherbringen.

Die Joachim Herz Stiftung unterstützt die Hacker School mit dem "Perlenfonds", ihrer Förderlinie für Projekte Dritter.

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