Warum gründen Deutschlands
Forscher:innen nicht?
Zur Psychologie des Gründens
Deutschland steht für ausgezeichnete Wissenschaft – doch Forscher:innen gründen noch immer viel zu selten ein Unternehmen. Warum ist das so? Gesellschaft und Wirtschaft könnten noch stärker vom Know-how der Forscher:innen profitieren – durch neue Produkte, Dienstleistungen oder Arbeitsplätze.

Die von der Joachim Herz Stiftung geförderte Studie des Entrepreneurship Research Institute der Technischen Universität München gibt völlig neue Impulse für die Förderung von wissenschaftlichen Ausgründungen. Sie richtet den Fokus erstmalig auf die Psychologie der Gründer:innen und die Dynamik in ihren Teams.

Die vorliegende Publikation fasst die Ergebnisse zusammen, zeigt Best Practices und gibt konkrete Handlungsempfehlungen für Politik und Hochschule.

Wir haben in Deutschland ein erfolgreiches Bildungssystem sowie etablierte Wissenschaftsstandorte und Fördermöglichkeiten für Gründer und Gründerinnen. Dennoch gründen viel zu wenige unserer hervorragenden Forscherinnen und Forscher – oder sie geben zu früh auf. Woran liegt das? Am Mindset? An mangelnder Risikobereitschaft? Wie können wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Mut
machen, mehr zu wagen?"

Dr. Henneke Lütgerath Vorstandsvorsitzender der Joachim Herz Stiftung; Dr. Nina Lemmens Vorstand der Joachim Herz Stiftung
Methodisches Vorgehen
Über drei Jahre beobachteten und befragten die Forscher: innen akademische Gründungsinteressierte, Gründer: innen und Teams, die sich im Gründungsprozess befanden. Ihr Ziel: herauszufinden, was den Wandel von Wissenschaftler:innen zu Unternehmer:innen positiv beeinflusst. Wie lernen Individuen pragmatisch unternehmerisch zu handeln, welchen Einfluss hat das Team und
wie kann eine Organisation diese Transformation beeinflussen?
2.748 beantwortete Fragebögen aus den gründungsstarken Städten München, Berlin, Hamburg und der Region Köln/Bonn
2.748 beantwortete Fragebögen aus den gründungsstarken Städten München, Berlin, Hamburg und der Region Köln/Bonn
12 Gründungsteams zu Entscheidungen über Technologieentwicklung und Markteintritt interviewt
12 Gründungsteams zu Entscheidungen über Technologieentwicklung und Markteintritt interviewt
52 interdisziplinäre Teams während ihrer Entscheidungsfindungen per Video beobachtet
52 interdisziplinäre Teams während ihrer Entscheidungsfindungen per Video beobachtet
zwei Jahre teilnehmende Beobachtung mitten im Feld
zwei Jahre teilnehmende Beobachtung mitten im Feld
Empfehlungen für Hochschulen und
Politik zur Gründungsförderung

Die Studie zeigt: Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, mit
denen Gründungsinteressierte und Gründungsteams noch
besser gefördert und unterstützt werden können.
Verankerung von Entrepreneurship
an der Hochschule
Die Förderung von Gründungsgeist und Entrepreneurship sollte fester Bestandteil an Hochschulen werden. Hochschulleitung und Professor:innen müssen es zu ihrer Aufgabe machen, für Gründung zu begeistern und die nächste Generation von Gründenden und Unternehmer:innen zu befähigen.
01
Vorbilder auf die Bühne bringen

Erfolgreiche Vorbilder begeistern für unternehmerisches Handeln und Gründen: Forschende, die erfolgreiche Gründende und Start-ups aus der Wissenschaft kennen, schätzen ihre eigenen Gründungsfähigkeiten besser ein und sehen Gründung als attraktive Karriereoption. Universitäten können Formate etablieren, die erfolgreiche Gründende und Teams auf die Bühne bringen. Beispiele dafür sind Veranstaltungen wie Demo Days und Pitch-Events, bei denen Gründende ihr Start-up und ihr Produkt vorstellen. Oder auch Gesprächsrunden und Vorlesungen, in denen Gründende über ihren Weg und ihre Erfahrungen, Hindernisse und Herausforderungen sprechen.
02
Freiräume für unternehmerische
Ideen schaffen
Forschende, die weniger Druck haben, akademische Ziele zu erreichen und Unterstützung für ihre Gründungsidee durch Vorgesetzte und Kolleg:innen erfahren, lassen sich eher auf unternehmerische Projekte ein. Professor:innen können ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen dazu ermutigen, auch parallel zu ihrer Arbeit in der Forschung Ideen für die Anwendung zu entwickeln und auszuprobieren. Im Rahmen eines Gründungs-Sabbaticals beispielsweise haben Forschende die Möglichkeit, ihre Idee intensiv voranzutreiben. Entscheidend dabei ist, dass es immer die Möglichkeit geben sollte, in die Forschung zurückzukehren.
03
Brücken zwischen den Fachbereichen schlagen
Innovation braucht Reibung, das Hinterfragen des Bekannten, den Zweifel am Bestehenden. Das gelingt vor allem dann, wenn unterschiedliche Perspektiven auf ein Thema zusammentreffen. Interdisziplinäre und lehrstuhlübergreifende
Zusammenarbeit ist daher ein wichtiger Motor für die Entstehung von Neuem. Fächerübergreifende Projekte und Projektwochen, Netzwerkveranstaltungen oder physische Räume, an denen sich Forschende aus verschiedenen Fachrichtungen begegnen und austauschen können, sind mögliche Maßnahmen.
04
Wirtschaft und Forschung frühzeitig vernetzen
Ein wichtiger Erfolgsfaktor für erfolgreiche Gründungen ist der kontinuierliche Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Forschende, die früh in ihrer Karriere Kontakt mit Wirtschaft und Industrie haben, denken bei ihrer Forschung öfter daran, wie sie die Ergebnisse in marktfähige Produkte und Dienstleistungen umsetzen können. Universitäten können diesen Austausch durch entsprechende
Netzwerkveranstaltungen, Zusammenarbeit in Innovationsprojekten, Bearbeitung von Challenges aus der Industrie, Mentor:innen aus der Wirtschaft oder auch gemeinsam mit Unternehmen durchgeführte Formate wie Hackathons oder Makeathons fördern.
05
Mit spielerischen Formaten für Unternehmertum begeistern
Die Ergebnisse zeigen: Spielerische Formate begeistern für Unternehmertum. Dabei durchlaufen die Teilnehmenden spielerisch alle wesentlichen Schritte zur Entwicklung eines marktfähigen Produktes: Ideengenerierung, Identifikation von Kundenproblemen, Prototypenbau, Befragung und Beobachtung. Im direkten Austausch mit potenziellen Kund:innen, Anwender:innen und Expert:innen aus der Industrie werden so Produkte innerhalb kürzester Zeit entwickelt und prototypisch
umgesetzt.
06
Interdisziplinäre Gründungsteams zusammenbringen
Interdisziplinär aufgestellte Teams sind erfolgreicher im Gründungsprozess, weil sie Wissen aus verschiedenen Fachrichtungen und unterschiedliche Perspektiven neu kombinieren. Universitäten können die Bildung interdisziplinärer Teams unterstützen, indem sie Orte schaffen, die Forschende unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenbringen, und die Begegnungen fördern.
07
Gründer:innen für eine professionelle Zusammenarbeit befähigen
Gute Gründungsideen scheitern oft an einer schlechten Zusammenarbeit und destruktiven Dynamiken im Team. Die Probleme und Herausforderungen sind in jedem Team sehr individuell, sie hängen aber oft mit der Doppelrolle der Teammitglieder als Forscher:innen und Unternehmer:innen zusammen sowie dem daraus resultierenden Stress. Ein persönlichkeits- und teamorientiertes Coaching hilft, Gründende frühzeitig für typische Herausforderungen zu sensibilisieren – z. B. Selbstmanagement, Zeitmanagement, Führung, gewaltfreie Kommunikation, etc. – und ihnen Methoden für eine professionelle Zusammenarbeit zu vermitteln.
08
Gründungsberater:innen psychologisch schulen
Die Gründungsberatung berät Gründende erfolgreich bei allen Fragen zur Gründung – von der ersten Idee bis zur Finanzierung. Sie fokussiert sich dabei vor allem auf Produkt- und Geschäftsmodellentwicklung sowie die Erstellung von Förderanträgen. Die Teamdynamik und die psychologischen Prozesse kommen dabei oft zu kurz. Oft sind ungeklärte Konflikte, Emotionen und aufgestaute Frustrationen die
Ursache für das Scheitern einer guten Idee – und nicht der mangelhafte Businessplan oder ein lückenhafter Förderantrag. Gründungsberater:innen sollten daher auch psychologisch geschult werden und individuelle persönlichkeits- und teamorientierte Coachings anbieten. Alternativ können externe Coaches zur psychologischen Unterstützung eingebunden werden.
09
Früherkennung von Konflikten durch räumliche Nähe der Gründungsberatung
Gründungsberater:innen sind darauf angewiesen, dass Gründungsteams offen und ehrlich mit ihnen über den Stand der Gründung sowie die Herausforderungen mit Produkt, Finanzierung oder Team kommunizieren. Nur so können sie effektiv mit dem Team arbeiten. Die Erfahrung zeigt jedoch: Gründungsteams neigen dazu, nur den positiven Fortschritt ihrer Gründung darzustellen. Potenzielle Risiken und schwelende Konflikte im Team lassen sie unerwähnt – teils unbewusst, teils aus Angst, schlecht dazustehen. Gründungsberater:innen sollten daher auch räumlich möglichst nah am Team sein und an Meetings mit potenziellen Partner:innen, Kund:innen und Investor:innen teilnehmen. Nur so können sie Schwachstellen und Konflikte frühzeitig erkennen und bei der Bewältigung optimal unterstützen.
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(Coverbild © Andreas Heddergott / TU Muenchen)