„Wir brauchen Lösungen für das Trilemma zwischen Klimaschutz, Ernährungssicherung und Biodiversität"
Add-on Fellow und Agrarökonom Dr. Arndt Feuerbacher berichtet im Interview über umweltökonomische Zusammenhänge, sein Fachgebiet Biodiversität und die Wichtigkeit transdisziplinärer Forschung.
Herr Dr. Feuerbacher, warum ist es wirtschaftlicher, aktiven und kostenintensiven Umwelt- und Klimaschutz zu betreiben, als einfach die aktuellen Nachfragen am Markt zu befriedigen?

Der Markt schließt viele Güter und Dienstleistungen aus, die nicht gehandelt werden, für die also niemand etwas direkt bezahlt und dadurch auch keine Preise bekannt sind. Darunter sind einige, die absolut elementar und lebensnotwendig sind, aber als selbstverständlich und unentgeltlich wahrgenommen werden wie zum Beispiel saubere Luft zum Atmen oder intakte Ökosysteme. Wenn es allerdings diese Güter nicht gäbe, dann hätte aus naheliegenden Gründen keine Wirtschaftsaktivität mehr Sinn.

Aus dieser Konstellation ergeben sich regulatorische Notwendigkeiten. Wir Ökonomen sprechen von externen Effekten oder Kosten wenn eine wirtschaftliche Aktivität Kosten verursacht, z.B. Luftverschmutzung, die nicht vom Verursacher getragen werden. Da der Markt in diesem Fall versagt, müssen diese externen Kosten internalisiert werden. Dies geschieht, indem die Schäden bepreist werden. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die CO2-Steuer. Für die Gesellschaft ist es langfristig wirtschaftlicher Umweltkosten zu bepreisen, da diese dann in den Produktions- und Konsumentscheidungen berücksichtigt werden können.

Ist ein Umweltökonom eigentlich der ideale Gesprächspartner für diese Fragestellungen?

Ein Umweltökonom wäre der absolut richtige Ansprechpartner für diese Themen. Ich bin allerdings streng genommen Agrarökonom, der sich mit einem ökologischen Thema beschäftigt – den Wechselbeziehungen zwischen Biodiversität und Landwirtschaft. Traditionell befassen sich Agrarökonomen eher mit der Frage wie sich der Ertrag pro Fläche für Landwirtinnen und Landwirte maximieren lässt, was auch technische, biologische und soziale Faktoren mit einbezieht. Die Umweltthematik wurde in der Vergangenheit allerdings eher vernachlässigt. Heute kommt jedoch kein Agrarökonom mehr ohne eine gewisse umweltökonomische Grundausbildung aus.

Und in meinem Fall ist es natürlich so, dass ich mich auch mit den biologischen und ökologischen Hintergründen beschäftige. Eben wegen dieses interdisziplinären Forschungsansatzes wird meine Forschung durch das Fellowship der Joachim Herz Stiftung gefördert.
Dr. Arndt Feuerbacher blickt in einen Sammlungskasten genadelter Wildbienen der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim.
"Insekten sind für viele Ökosystemleistungen relevant"
Womit befassen sich Ihre Studien zur Biodiversität im agrarökonomischen Kontext?

Für viele war es ein Schock, als 2017 die sogenannte „Krefelder Studie" erschien. Sie zeigte, dass innerhalb der letzten 30 Jahre die Insektenbiomasse in Naturschutzgebieten um 75 Prozent zurückgegangen ist. Das bleibt natürlich nicht folgenlos für Ökosystemleistungen, wie wir quasi die Dienstleistungen der Natur für uns Menschen nennen. Ich erforsche dabei, welche Effekte Biodiversität bzw. deren Rückgang auf die Landwirtschaft hat und welche ökonomischen Folgen sich daraus ergeben. Ebenso beschäftige ich mich mit den Kosten und Nutzen von biodiversitätsfreundlicher Agrarpolitik. Oftmals werden in Modellstudien nur die Kosten biodiversitätsfreundlicher Maßnahmen quantifiziert, was natürlich keine gute Grundlage für Politikempfehlungen ist.

Wie besteht da ein Zusammenhäng zwischen der Vielfalt und Anzahl von Organismen und den Erträgen der Landwirtinnen und Landwirte?

Ein sehr prominentes und auch gut erforschtes Beispiel hierfür sind die Ökosystemleistungen von Bestäubern – dazu gehören Nutztiere, wie die von Menschen gehaltene Honigbiene, aber auch viele wildlebenden Bestäuber. In Deutschland zählen wir allein etwa 600 verschiedene Wildbienenarten. Für die Produktion vieler Kulturen, insbesondere bei Ölsaaten, Gemüse, Obst und Nüssen, besteht eine Abhängigkeit von durch Insekten geleistete Bestäubung. Zum Beispiel würde ohne tierische Bestäubungsleistung die Apfelernte um etwa zwei Drittel geringer ausfallen. Im Rahmen meines Joachim Herz Fellowships beschäftigen wir uns aber auch mit der ökonomischen Relevanz von Bestäubungsleistungen in der Saatgutzüchtung und Vermehrung, was ein kaum erforschtes Feld ist. Neben Bestäubung sind Insekten aber auch für viele andere Ökosystemleistungen relevant wie Bodenfruchtbarkeit und Schädlingskontrolle.
Skulptur der Apis mellifera (Westliche Honigbiene) vor dem Neubau der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim.
Vom Landwirt können wir das komplexe Wissen über ökologische Auswirkungen nicht erwarten, zudem sehen sich viele Landwirte durch den Strukturwandel in ihrer Existenz bedroht.
Wenn Biodiversität so wichtig ist, wie können wir diese erhalten?

Für den Erhalt der Biodiversität ist eine Vielzahl an Maßnahmen notwendig. Ganz wichtig hierbei sind der Erhalt und die Vernetzung von Lebensräumen. Dies können wir beispielsweise durch kleinstrukturierte Landschaften erreichen, die durch kleine Feldgrößen, Hecken, Bäumen und anderen Landschaftselementen charakterisiert sind. Diese Kulturlandschaften haben natürlich auch einen höheren ästhetischen Wert, was für sich genommen auch eine Ökosystemleistung ist und sich positiv auf unser Wohlbefinden auswirkt. Jedoch verursachen diverse Landschaften auch höhere Produktionskosten als strukturarme Landschaften mit großen Feldern. Hier besteht, ähnlich wie bei den Diskussionen um Verringerung des Pestizideinsatzes und Ausbau des Ökolandbaus, also ein Zielkonflikt.

Das erinnert an die Fragen rund um Klimaschutz und CO2-Ausstoß. Sind die Rahmenbedingungen nicht ganz ähnlich?


Es gibt natürlich Parallelen. Zum Beispiel befindet sich die Landwirtin bzw. der Landwirt heute ebenso im internationalen Wettbewerb wie ein Energie- oder Automobilkonzern. Auch im Agrarbereich gibt es den sogenannten Leakage-Effekt. Wenn hierzulande etwas verboten oder sanktioniert wird, wandert die Produktion in andere Länder, in denen die Umweltstandards weniger streng sind. Ich möchte aber vor allem auf die großen Unterschiede zwischen einem landwirtschaftlichen Betrieb und einem Industriekonzern aufmerksam machen. Ein Landwirt hat meist weniger als fünf Mitarbeiter, oft aus der Familie, die zur Sicherung des eigenen Lebensunterhalts das Land bewirtschaften, meist für die Nahrungsmittelproduktion. Der Landwirt hat also keine eigene Nachhaltigkeits- oder Rechtsabteilung. Die Rahmenbedingungen und Vorzeichen sind also völlig andere und deshalb sollten wir die Hintergründe auch unterschiedlich bewerten. Vom Landwirt können wir das komplexe Wissen über ökologische Auswirkungen nicht erwarten, zudem sehen sich viele Landwirte durch den Strukturwandel in ihrer Existenz bedroht.

Die Hintergründe und Motive unterscheiden sich, aber auch die Auswirkungen von Klimawandel und Biodiversitätsverlust. Müssen bei der Tragweite der Erderwärmung nicht alle Umweltthemen hinter die Verringerung des CO2-Ausstoßes zurücktreten?

Die Themen werden tatsächlich manchmal gegeneinander ausgespielt, weil es auch Zielkonflikte wie z.B. den Anbau von Mais für Biogas gibt. Die Anbaufläche vom sog. Biogasmais macht circa 10% der deutschen Ackerfläche aus. Ökologisch ist aber ein großflächiges Maisfeld nicht viel wertvoller als ein versiegelter Parkplatz. Des Weiteren wird in Deutschland noch mehr Mais als Futtermittel angebaut, und wenn wir das reduzieren könnten, hätten wir wiederum Synergien. Ein verringerter Fleischkonsum würde dem Klima und der Biodiversität nutzen. Wir sollten also nach Lösungen suchen, welche einen Beitrag zur Lösung des sogenannten Trilemma zwischen Klimaschutz, Ernährungssicherung und Biodiversität leisten können.

Einen Punkt finde ich im Vergleich zum Thema Klimaschutz in dem Gesamtzusammenhang noch wichtig und interessant. Effektiver Biodiversitätsschutz kann regional, sogar lokal betrieben werden und ist nicht so abhängig von internationalen Verhandlungen und Verträgen wie wir es jetzt wieder in Klimakonferenz in Glasgow gesehen haben. Die Förderung und Anreize für die Reduzierung von Monokulturen und die Schaffung von kleinstrukturierten Landschaften mit, kleineren Feldern, Hecken und mehr Randstreifen sowie extensiv bewirtschafte Ackerflächen und Weiden kann von uns als Gesellschaft beschlossen werden und wird die Biodiversität direkt vor Ort fördern. Aber natürlich hat der Klimawandel auch negative Folgen für viele Arten. Wir müssen also immer das Gesamtsystem im Blick behalten.
"Als Agrarökonom sollte man ein hohes Maß
an Offenheit für andere Disziplinen mitbringen"
Kommen wir noch einmal auf Restriktionen und Sanktionierungen zurück. Werden Eingriffe der Politik aus umweltökonomischen Beweggründen in Zukunft wichtiger und drastischer?

Etwa 30-40% des EU-Haushalts wandern in agrarpolitische Fördermittel. Dabei werden allerdings noch immer die meisten Gelder in Abhängigkeit der bewirtschafteten Flächengröße verteilt, unabhängig davon, wie diese Fläche bewirtschaftet wird. Lange gab es auch hier keine Anreize für umweltbewusstes Handeln, obwohl ökologische Leitplanken gefragt waren. Zunehmend verweist die Datenlage wie in der „Krefelder Studie" aber auf den Diversitätsrückgang hin und das Thema nimmt Fahrt im öffentlichen Bewusstsein auf. Mehr Interessensverbände, Petitionen und sogar Volksbegehren befassen sich mit dem Artenschutz. Nun ist die Politik gefragt, Förderkriterien anzulegen, für Maßnahmen wie die oben genannten nachhaltigen Anbaumethoden. Auch hier tut sich etwas, wie es die Ziele und geplanten Maßnahmen des EU Green Deals und der dazugehöriger Biodiversitätsstrategie und der Strategie „Vom Hof auf den Tisch" zeigen.

Ihre Forschung ist geradezu ein Paradebeispiel für Interdisziplinarität. Es kommen Aspekte aus der Biologie, Agrarwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaften zusammen. Wie schwierig war es in Ihrem Fall, sich zum Experten diverser Fachbereiche zu bilden, wo mussten Sie "Mut zur (Wissens-)Lücke" lassen?

Ökonomen sind per se schon einmal gut im Abstrahieren, wir müssen oft mit begründeten Annahmen arbeiten und es gibt nicht immer ein absolut richtig oder falsch im Sinne der Naturwissenschaften. Als Agrarökonom sollte man ein hohes Maß an Offenheit für andere Disziplinen mitbringen und auch akzeptieren, es nicht überall zum Experten zu bringen. Ich selbst kann von mir jedenfalls nicht behaupten, dass ich diesen Status in Biologie oder Politikwissenschaft erreicht hätte. Aber es reicht, um mit den Kollegen zu kooperieren. Und wie gesagt – wichtiger als das eigentliche Fachwissen sind die Flexibilität und das Verständnis für andere anderen Denk- und Herangehensweisen. Die größten Hürden sind bei interdisziplinärer Arbeit neben der Fachsprache oft die Skalierungsfragen. Ingenieure befassen sich beispielsweise mit der Anwendung einer einzelnen Maschine, der Ökologe untersucht, was auf einem einzelnen Feld einer Landwirtin passiert. Ökonomen denken aber schnell in größeren Maßstäben und versuchen das für eine ganze Volkswirtschaft zu adaptieren. Hier gilt es, die verschiedenen Ebenen zu überbrücken.
Blick auf das Hohenheimer Schloss – dem Hauptgebäude der Universität Hohenheim.
"Es geht ja mittlerweile nicht mehr nur
darum zu entschlüsseln, sondern Lösungen zu finden"
Interdisziplinäre Zusammenschlüsse wie z.B. der Club of Rome haben unser modernes Verständnis von Ökologie und den Umweltaktivismus erst begründet. Lassen sich die komplexen Zusammenhänge von Ökologie und Ökonomie überhaupt nur mit interdisziplinären Ansätzen entschlüsseln?

Es geht ja mittlerweile nicht mehr nur darum zu entschlüsseln, sondern Lösungen zu finden. Deshalb würde ich sogar noch weitergehen und von der Notwendigkeit transdisziplinärer Forschung sprechen. Dabei handelt es sich um das gemeinsame methodische Vorgehen von wissenschaftlichem und praktischem Wissen. Gerade in meinem Forschungsbereich komme ich ohne Einbeziehung von Praxisakteuren, sprich Landwirtinnen und Landwirten sowie Verbraucherinnen und Verbrauchern, nicht weit. Die Ergebnisse sollen sich ja letztlich in die Praxis überführen und dort anwenden lassen.

Kürzlich haben Sie eine Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) für eine Nachwuchsgruppe eingeworben. Geht es dabei um einen transdisziplinären Ansatz?


Ja, wir sind sehr froh darüber, dass das BMBF eine sozialökologische Nachwuchsforschungsgruppe zum Thema Biodiversität fördern und an der Universität Hohenheim meine Stelle sowie drei Doktorandenstellen finanzieren wird. Wir kooperieren zudem mit Dr. Anne-Christine Mupepele vom Fachbereich Naturschutz und Landschaftsökologie der Universität Freiburg, an welchem das BMBF ebenfalls eine Doktorandenstelle finanziert.

In diesem Projekt wollen wir erarbeiten, wie agrar- und ernährungspolitische Transformationspfade gestaltet werden, damit wir biodiversitätsfreundliches Landnutzungs- und Ernährungssysteme erreichen können. Hierfür werden wir ein Simulationsmodell entwickeln, mit dem wir aus ökonomischer und ökologischer Sicht Politikansätze analysieren und bewerten und mit Praxisakteuren konkrete biodiversitätsfreundliche Maßnahmen formulieren können. Und damit handelt es sich um ein inter- und transdisziplinäres Projekt, womit wir aus Sicht der Wissenschaft einen Beitrag für den Übergang in eine biodiversitätsfreundliche Agrarnutzung leisten wollen.

Das Add-on Fellowship der Joachim Herz Stiftung machen Sie mitverantwortlich dafür, dass Sie diesen akademischen Förderantrag überhaupt gestellt haben. Wie hängt das zusammen?

Das Fellowship der Joachim Herz Stiftung war für mich ein Signal von außen, wie relevant die Themen sind, an denen ich forsche. So ein Feedback ist für uns Wissenschaftler in vielerlei Hinsicht wichtig. Der Erfolg zeigt, dass sich der enorme Zeitaufwand lohnen kann, der mit einem Förderantrag verbunden ist. Immerhin besteht das Risiko, dass es am Ende nicht klappt und der Ressourceneinsatz vergeblich war. Hat es aber einmal geklappt, steigt die Bereitschaft, erneut ins Risiko zu gehen. Und natürlich stärkt das auch das Selbstbewusstsein. Übrigens finde ich bei einer Fellowship ebenso wichtig wie die finanzielle Förderung, die mir ermöglicht hat, gute Studenten unkompliziert und früh ins Projekt einzubinden, auch das akademische Netzwerk. Auf die anderen Fellows zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen, ist essentiell um neue Impulse für die eigene Arbeit zu erhalten.
Add-on Fellowship for Interdisciplinary Economics and Interdisciplinary Business Administration
Das Add-on Fellowship for Interdisciplinary Economics and Interdisciplinary Business Administration richtet sich an Doktoranden und Post-Docs, die interdisziplinär forschen oder ihr Wissen in einer angrenzenden Disziplin vertiefen möchten. Besonders der flexible Einsatz der Fördermittel in ihrem frühen Karrierestadium bietet den Fellows Möglichkeiten, ihre Forschung und Karriere zu entwickeln. Regelmäßige Netzwerktreffen schaffen Freiraum, in dem die Fellows sich mit relevanten Themen beschäftigen, wie etwa Karriereplanung oder Wissenschaftskommunikation. Der Austausch untereinander ist hilfreich bei individuellen Herausforderungen. Die Familienförderung sorgt für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Das Programm wurde Ende 2017 mit zehn Nachwuchswissenschaftlern gestartet und hat aktuell 52 aktive Fellows. Viele der inzwischen 22 Alumni sehen im Fellowship einen wichtigen Baustein ihrer wissenschaftlichen Karriere und unterstützen aktiv den Auswahlprozess der jungen Fellows.