„Ihr seid nicht allein"
Backtosch Mustafa wird 1997 als Sohn afghanischer Bürgerkriegsflüchtlinge in
Hamburg geboren. In der Schule hat er zunächst viele Schwierigkeiten, Lehrer raten
ihm ab, Abitur zu machen. Heute forscht er an der US-Uni Harvard und setzt sich mit seiner eigenen Organisation für Bildungsgerechtigkeit ein. Was treibt ihn an?
Mein Name ist Backtosch Mustafa, und ich bin Gründer und Vorsitzender der sozialen Organisation „ApplicAid". Um zu verstehen, warum ich mich für gerechte Bildungschancen einsetze, ist es wichtig, meine persönliche Geschichte zu kennen.

Meine Eltern kamen Anfang der 1990er Jahre als Kriegsflüchtlinge aus Afghanistan nach Hamburg, um meinen älteren Schwestern eine bessere Zukunft fernab von Krieg und Terror zu ermöglichen. Ein paar Jahre später kam ich in Hamburg zur Welt.

Als ich hier zur Schule kam, durfte ich die erste Klasse überspringen, da ich mir Lesen und Schreiben mit den Büchern meiner Schwestern selbst beigebracht hatte. Trotz guter Leistungen in der Grundschule bekam ich keine Gymnasialempfehlung. Eine Erfahrung, die schmerzte und die viele andere nur zu gut kennen.
Es ging nur noch darum, standzuhalten
Ich hatte das Gefühl, mein eigenes Schicksal nicht mehr bestimmen zu können.
In der Mittelstufe hatte ich große Schwierigkeiten in der Schule. Nicht nur mein Name war besonders. Aufgrund meiner Herkunft und meines sozialen Hintergrundes habe ich mich anders verhalten und anders gesprochen als meine Mitschüler. Ich hatte es schwer, Anschluss zu finden. Diese Schwierigkeiten haben sich auch auf meine Noten ausgewirkt. Meine Leistungen brachen ein, und ich wäre fast von der Schule geflogen. Mein Klassenlehrer riet mir davon ab, das Abitur zu machen. Er war der Meinung, das sei nichts für mich.

Ich hatte das Gefühl, mein eigenes Schicksal nicht mehr bestimmen zu können. Es ging nicht mehr um Selbstverwirklichung, sondern nur noch darum, standzuhalten. Eine Säule, auf die ich in dieser Zeit bauen konnte, war meine Familie. Sie haben mich bestärkt, motiviert und immer an mein Potenzial geglaubt.

Durch einen Umzug musste ich die Schule wechseln. Damals realisierte ich noch nicht, was für eine große Chance dieser Neuanfang war. In der neuen Schule habe ich mich direkt sehr wohl gefühlt. Ein großer Vorteil war, dass meine Lehrer mir gegenüber keine Vorurteile hatten und mich unterstützen. Meine Leistungen wurden schnell deutlich besser.
„Stipendien sind nichts für Leute wie mich"
Hier habe ich von meinen Mitschülern überhaupt das erste Mal etwas von Stipendien gehört. Einige von ihnen wurden von dem Schülerstipendium „grips gewinnt" gefördert und schwärmten davon, was das Programm ihnen ermöglichte.

Als sie mir rieten, dass ich mich dort auch bewerben solle, war meine erste Antwort: „Stipendien sind nichts für Leute wie mich." Dabei wusste ich bloß nicht genau, was ein Stipendium eigentlich ist – das klang nach Elite. Die Bewerbung sorgte für Ängste und Zweifel bei mir. Zweifel, ob ich dafür überhaupt in Frage käme. Angst, abgelehnt zu werden. Meine Freunde motivierten mich aber, es trotzdem zu versuchen. Und tatsächlich wurde ich schließlich in das „grips gewinnt"-Programm aufgenommen.

Es war ein Wendepunkt in meinem Leben. Neben der finanziellen und ideellen Unterstützung hat mich vor allem ein Gefühl gestärkt: dass es neben meiner Familie und meinen Freunden noch mehr Menschen gibt, die mir nicht immer nur sagen „In dir steckt noch mehr Potenzial", sondern die Zeit, Geld und Arbeit investieren, damit dieses Potenzial auch zum Vorschein kommt.

Dank dieser Unterstützung konnte ich mein Abitur mit einem sehr guten Schnitt beenden und meiner Passion, der Medizin, folgen. Ich habe das Medizinstudium in Hamburg begonnen und wurde durch weitere Stipendien gefördert. So bekam ich mit 21 Jahren die Chance, ebenfalls durch ein Stipendium, für meine Doktorarbeit an der Harvard University in Boston zu forschen.

„Talent is universal. Opportunities are not"
All diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, die nötige Förderung zu bekommen, um sein volles Potenzial auszuschöpfen. Und dass auch heute noch der soziale Hintergrund signifikant mitbestimmt, welchen Lebensweg man einschlagen kann, und welchen nicht.

Der amerikanische Ausdruck „Talent is universal. Opportunities are not" trifft es perfekt für mich. Es reicht nicht, nur Talent zu haben. Talentierte Menschen gibt es überall auf der Welt, egal ob in Hamburg oder in einem abgelegenen Dorf in Tansania. Den Unterschied macht, wer die Chance bekommt, sein Talent zu realisieren, und wer nicht.

In Deutschland sind wir noch weit von einer chancengleichen Gesellschaft entfernt. Der Zugang zur Hochschulbildung ist ungerecht. Bildungsbenachteiligte Menschen gehen weniger ins Ausland und haben einen schlechteren Zugang zu professionellen Netzwerken. So driftet unsere Gesellschaft weiter auseinander, statt aufeinander zuzugehen.

Eine attraktive Form der Bildungsfinanzierung sind Stipendien, da sie nicht zurückgezahlt werden müssen und oftmals mit einer Persönlichkeitsförderung verbunden sind. Nach über 13 verschiedenen nationalen und internationalen Stipendien kann ich voller Überzeugung sagen: Stipendien können das Potenzial eines Menschen unglaublich stark fördern.
Stipendiensystem in Deutschland hat ein zentrales Problem
Das Stipendiensystem in Deutschland hat aber ein zentrales Problem: Menschen mit einem bildungsbenachteiligten Hintergrund bewerben sich seltener für Stipendien, bekommen weniger Unterstützung aus ihrem Umfeld und haben schlechtere Chancen, angenommen zu werden. Das möchte ich ändern.

Ich bekomme in meinem Umfeld immer wieder die gleichen Dinge zu hören: „Stipendien sind nur was für Eliten", „Ich würde da nicht reinpassen", „Ich hätte da doch sowieso keine Chance". Viele aktuelle Stipendiaten, die ich kenne, hatten dieses Gefühl, bevor sie es versucht haben. Allen anderen, die noch keine Stipendiaten sind und ebenfalls so denken, möchte ich sagen: Bewerbt euch! Ihr seid nicht allein.