Als Azubi ins Ausland:
ein Praktikum fürs Leben

Für Studierende ist es heutzutage fast normal, einige Zeit im Ausland zu verbringen. Für Auszubildende ist ein Auslandsaufenthalt jedoch schwieriger zu realisieren, obwohl sie als Fachkräfte nahezu überall gefragt sind. Zwei Azubis berichten, warum sie trotzdem den Schritt in die USA gewagt haben.
Drei Monate haben Anna-Lisa Wiechmanns Leben nachhaltig verändert. Die angehende Chemikantin ist gerade von einem Auslandspraktikum in den USA zurückgekehrt. Doch so richtig angekommen ist die 20-Jährige noch nicht. Die Eindrücke der vergangenen Wochen wirken nach.
„Ich war vorher noch nie so lange allein im Ausland. Diese Erfahrung hat mich selbstbewusster und unabhängiger von der Meinung anderer gemacht", sagt Wiechmann stolz. Durch die Zeit in einem fremden Betrieb in North Carolina, ohne vertraute Umgebung, komplett auf sich allein ­gestellt, „lernte ich endlich, auf mich zu vertrauen", erklärt sie.
Schutzbrille und Blaumann statt Studium
Anna-Lisa Wiechmann während ihres Auslandspraktikums
bei der Indulor America LP in North Carolina.
Eine Fähigkeit, die ihr nun auch bei ihrem Arbeitgeber, der Aurubis AG in Hamburg, zugute kommt. „Wenn mir ein Spruch meiner männlichen Kollegen zu weit geht, spreche ich das offen an. Früher hätte ich es einfach weg­gelächelt."

Profitiert hat sie aber auch fachlich. „Die ungewohnten Bedingungen und Sicherheitsbestimmungen zwingen zu Kreativität.

Ich habe neue Techniken zum Lösen von Problemen entwickelt, an die ich vorher nie ­gedacht hätte", erzählt sie, während sie im Hamburger Betrieb Schutzbrille und Blaumann anlegt.
„Wenn mir ein Spruch meiner männlichen Kollegen zu weit geht, spreche ich das offen an."
Dass sie diese Kleidung mal für eine Ausbildung zur Chemikantin tragen würde, hätte die Abiturientin Wiechmann während ihrer Schulzeit noch nicht für möglich gehalten. Vor zwei Jahren war sie beim Berufsinformationstag der Aurubis AG, sah sich auf dem Gelände um, kam ins Gespräch und füllte spontan eine Bewerbung aus. Später bekam sie einen Ausbildungsplatz angeboten.

Dennoch zögerte sie. „Eigentlich wollte ich nach dem Abitur reisen – und dafür schien eine Lehre die schlechteste Option zu sein." Die Taktung der Ausbildung in Schule und Unternehmen sieht Auslandsaufenthalte für Azubis meist nicht vor – anders als bei Studierenden. Doch die 20-jährige blieb ihrem Grundsatz treu: zupacken, wenn sich eine Gelegenheit ergibt.
Vor der Abreise wartet viel Bürokratie
„Ich musste mich durch unzählige Anträge kämpfen und immer wieder neue Zertifikate und Dokumente einreichen, bevor ich die Reiserlaubnis bekam."
Als das Fernweh jedoch schon während der Ausbildung zu groß wurde, stieß sie auf das Projekt „Azubis in die USA" der Joachim Herz Stiftung. Spätestens beim komplizierten Visumsantrag merkte sie, dass deutsche Azubis in den USA vom System nicht unbedingt vorgesehen sind.

„Ich musste mich durch unzählige Anträge kämpfen und immer wieder neue Zertifikate und Dokumente einreichen, bevor ich – kurz vor dem Abflug – die Reiserlaubnis bekam."

Wegen der vielen Fehlstunden in der Berufsschule wird Anna-Lisa Wiechmann im nächsten Jahr Zwischenprüfung und Abschlussprüfung kurz hintereinander absolvieren müssen.
Azubi-Austauschprogramme
der Joachim Herz Stiftung
„Azubis in die USA"
  • Auslandsprakitka für Auszubildende
  • Wer kann sich bewerben? Azubis, die zum Zeitpunkt des Praktikums volljährig sind, ihre Ausbildung in einem Betrieb in Bayern/Hamburg machen und/oder eine Berufsschule in Bayern/Hamburg besuchen sowie über entsprechende Englischkenntnisse verfügen.
  • Bewerbungszeitraum: 1. Juni 2018 bis 31. August 2018.
„GATE" - German American Training Exchange
  • Austauschförderung USA für berufsbildende Schulen
  • Wer kann sich bewerben? Bewerben können sich alle deutschen berufsbildenden Schulen Schulen, die über einen gemeinnützigen Schulförderverin verfügen. Über ihn erfolgt die Bewerbung. Die bewilligten Mittel erhält der Verein in Form einer Spende.
  • Bewerbungszeitraum: 1. September 2017 bis 30. Juni 2018 für Austauschvorhaben in den Schuljahren 2017/18 und 2018/19.
Noch spürbarer waren die Auswirkungen des Azubi-Austauschprogramms für den angehenden Industriemechaniker Korbinian Weigl aus dem bayerischen Tuntenhausen. Der 20-Jährige kann seine Ausbildungszeit nun nicht mehr wie geplant verkürzen.

„Viele meiner Freunde haben mir deshalb davon abgeraten und meine Entscheidung nicht verstanden", sagt Weigl. „Doch auch im Nachhinein würde ich es immer wieder so machen."
Das Auslandspraktikum bei dem Autozulieferer BOS in Rochester Hills im US-Bundesstaat Michigan half ihm, offener auf andere Menschen zuzugehen.
„Ich hatte Angst, ob mein Englisch ausreicht, um mich im Betrieb verständigen zu können", erzählt Weigl. „Doch die große Unterstützung meiner Kollegen nahm mir schnell die Zurückhaltung." Heute kann er sich sogar vorstellen, nach der Ausbildung längere Zeit im Ausland zu arbeiten.
Der beste Weg eine andere Kultur zu verstehen
Insbesondere durch die deutsche Medienberichterstattung im Zuge der letzten Präsidentschaftswahl hatte Weigl ein eher negatives Bild von den USA im Kopf. Doch seine Vorurteile lösten sich schnell auf. „Es gibt keinen besseren Weg, die Kultur eines anderen Landes zu verstehen, als bei den Menschen dort zu wohnen und mit ihnen zu arbeiten", sagt er. Heute hält Weigl selbstbewusst vor 50 bis 60 Azubis Vorträge über seine Zeit in den USA.

Bei diesen Vorträgen merkt Weigl, dass der Gedanke, für längere Zeit ins Ausland zu gehen, viele Auszubildende immer noch abschreckt. Bürokratische Hürden und Bequemlichkeit scheinen oft zu groß. Und nicht jeder hat, wie Anna-Lisa Wiechmann oder er, den Mut, Ängste und Vorurteile zu überwinden und in eine neue Kultur einzutauchen. Ein Fehler, wie beide finden.

„Das beste Training", sagt Korbinian Weigl, „liegt schließlich im Machen."