Coaching-projekt "Rock your Life"

Große Schwester auf Zeit

Sarah und Lea: Im normalen Leben hätten die beiden Mädchen wohl nicht zueinander gefunden. Doch eine bundesweite Initiative bringt Schüler und Studenten aus unterschiedlichen Welten zusammen.
Am Ende profitieren beide davon.
Lea hält sich mit beiden Händen ängstlich am Geländer fest. Die 14-jährige findet in ihren Schlittschuhen keinen festen Stand auf der glatten Eisbahn im Hamburger Park "Planten un Blomen". Sarah schaut entspannt aus ein paar Meter Entfernung zu und macht Lea Mut. Die 20-jährige weiß von ihren vorherigen Besuchen, dass Lea ein wenig Zeit braucht, um sich an die Bewegung auf dem Eis zu gewöhnen.
Sarah und Lea: Auf den ersten Blick ein ungleiches Paar, das sich an diesem verregneten Donnerstag in Hamburg zum Schlittschuhfahren verabredet hat. Lea ist ruhig, ein wenig schüchtern. Sie macht gerade ihren Hauptschulabschluss in einer Stadtteilschule in Hamburg-Neuwiedenthal, einem sogenannten „Problemstadtteil" in dem 63 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben.

Sarah dagegen wirkt offen und selbstbewusst. Etwas anderes als Abitur und Studium standen bei ihr nie zur Debatte. Sie studiert an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg soziale Arbeit und ist gerade erst von einem Auslandssemester in der Schweiz zurückgekommen. Sie kann sich im Gegensatz zu Lea noch Zeit lassen mit ihrer Berufswahl.
Für Chancengleichheit das Leben rocken
Dass Lea und Sarah trotz ihres unterschiedlichen Hintergrundes zueinander gefunden haben, liegt an „ROCK YOUR LIFE". Eine Initiative, die vom Projekt „heimspiel. Für Bildung" der Joachim Herz Stiftung finanziell gefördert wird und die Studenten und Jugendliche vor dem Hauptschulabschluss zusammenbringt.
ROCK YOUR LIFE
„ROCK YOUR LIFE" ist eine gemeinnützige und preisgekrönte Bildungsinitative mit Sitz in München. Die Initiative wurde 2009 von einem studentischen Team der Zeppelin Universität gegründet. Mittlerweile engagieren sich über 4000 Ehrenamtliche an 51 Standorten in ganz Deutschland für „ROCK YOUR LIFE". Studenten werden ständig als Mentoren gesucht.
Vor allem Schüler aus sozial benachteiligten Familien sollen es mit einem Mentor an ihrer Seite einfacher haben, den Weg in den Beruf oder auf die weiterführende Schule zu finden. So sollen „aktiv und auf Augenhöhe Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit in der Gesellschaft gefördert werden", sagt Jana Retta, Vorstandsvorsitzende von „ROCK YOUR LIFE" in Hamburg.
„Ich versuche, ihr Mut zu machen und für sie da zu sein."
„ROCK YOUR LIFE" organisierte vor mehr als einem Jahr auch das erste Aufeinandertreffen von Lea und Sarah. Gemeinsam mit anderen potentiellen Coaching-Paaren mussten sie sich in einem Raum anhand von kleinen Zetteln, auf denen die Namen berühmter Paare standen, gegenseitig finden. „ Durch das Spiel war das Eis schnell gebrochen und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden", so Sarah.

Seitdem treffen sich die beiden Mädchen nun alle ein bis zwei Wochen. „Meist machen wir dann Action-Sachen wie Lasertag spielen oder eben Schlittschuhfahren. Das gefällt uns beiden am besten", sagt Lea. Ihre Augen strahlen, wenn sie davon erzählt.

Oft verabreden sie sich aber auch bei einer von beiden zu Hause und probieren gemeinsam neue Koch- und Backrezepte aus. Dann erzählen sie sich gegenseitig alles, was sie gerade in ihrem Leben bewegt. „Ich versuche in erster Linie einfach für Lea da zu sein, wenn Sie mich braucht, und ihr Mut zu machen", erklärt Sarah.

Darüber hinaus gibt Sarah Lea jedoch auch praktische Hilfe, wenn es um Unterstützung bei den Hausaufgaben oder bei der Suche nach Praktikumsplätzen geht. „Ziel der Beziehungen ist es, den Schülern dabei zu helfen, ihr individuelles Potenzial zu entfalten und ihre Perspektiven zu erweitern", sagt Retta.
Ansprechpartnerin und Zuhörerin
Als die 20-jährige zuletzt für einige Zeit im Ausland war und sie Lea länger nicht sehen konnten, war die Sehnsucht auf beiden Seiten groß. „Als meine Mutter dann zur Strafe auch noch mein Handy einkassiert hat, haben wir uns sogar Briefe geschrieben", berichtet Lea. Für ein 14-jähriges Mädchen in Zeiten von WhatsApp eine neue Erfahrung.

Auch durch die Briefe ist ihre Beziehung schnell sehr vertraut geworden. Sarah ist Ansprechpartnerin und Zuhörerin in einer Lebensphase, in der Lea wichtige Entscheidungen treffen muss, die ihre Zukunft maßgeblich bestimmen werden. Entscheidungen, die eine 14-jährige schon einmal überfordern können. Sarah kann dabei eine wichtige Stütze sein.
Für Lea ist Sarah so etwas
wie eine große Schwester.
Im Moment sprechen sie gerade sehr viel über Leas berufliche Zukunft. Lea möchte Erzieherin werden und weiß, dass sie für einen Ausbildungsplatz mindestens die Mittlere Reife braucht. Sarah traut ihr das zu.

„Natürlich sage ich ihr meine Meinung und gebe ihr Ratschläge. Aber ich unterstütze sie auf ihrem Weg, egal wie sie sich entscheidet", sagt Sarah. Gleichzeitig versucht sie Lea aufzuzeigen, dass da jemand ist, der an sie glaubt und dass es sich lohnt, weiter zur Schule zu gehen. Für Lea, die noch fünf jüngere Geschwister hat, ist Sarah so etwas wie eine große Schwester geworden.
„Ich bin nicht mehr
so schüchtern, habe
mehr Freunde und
sogar meine Noten
haben sich verbessert".

Lea merkt schon jetzt, dass ihr die Verbindung zu Sarah vor allem in ihrer persönlichen Entwicklung sehr geholfen hat. „Ich bin nicht mehr so schüchtern, habe mehr Freunde gefunden und sogar meine Noten haben sich verbessert", erzählt die 14-jährige stolz.
Eine Entwicklung, die den Verantwortlichen von „ROCK YOUR LIFE" vertraut ist.
„Schüler, die das Programm erfolgreich abgeschlossen haben, gestalten ihre Zukunft meist eigenverantwortlicher", so Retta. Bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz wird Lea dies zugutekommen.

Doch auch Sarah profitiert von dem Projekt. Sie möchte später einmal im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe arbeiten. Der Nachweis von sozialen Kompetenzen und praktischer Erfahrung im Lebenslauf kann da nur zuträglich sein. Gleichzeitig ist sie durch ihr Engagement Teil eines Netzwerkes, einer Bewegung. „Durch die Vorbereitungsseminare und die Workshops habe ich viele andere Studenten kennengelernt, denen ähnliche Dinge wichtig sind wie mir", sagt Sarah.

So haben am Ende beide etwas von der außergewöhnlichen Partnerschaft. Zwar ist diese auf einen Zeitraum von zwei Jahren ausgelegt, doch beide sind sich sicher, dass sie auch darüber hinaus in Kontakt bleiben werden.

Nach einer kurzen Pause geht es für beide noch einmal zurück auf die Eisbahn. Das stützende Geländer braucht Lea jetzt jedoch nicht mehr. Sie hat an Sicherheit und Selbstvertauen gewonnen. Hand in Hand drehen Lea und Sarah ihre Runden.